Einen Unterschied zu seinem Amtsvorgänger kultiviert Gerhard Schröder ganz besonders: seine Unbefangenheit gegenüber der deutschen Geschichte. Das Motiv zieht sich seit längerem durch seine Interviews und Reden, beginnend mit der Kandidatenrede auf dem Leipziger Parteitag im April, deutlich in dem nicht nur deshalb denkwürdigen Fernsehgespräch (Talk im Turm) von Anfang November und soeben wieder in der Regierungserklärung. Die Botschaft lautet: Hier spricht der Vertreter einer neuen Generation, die vor allem in die Zukunft sehen will. Ihre Kennzeichen sind aufrechter Gang, freier Wille, neues Selbstbewußtsein. Sie sind die Nachgeborenen, "Kinder dieser Republik" (Schröder), nicht geschichtsblind, aber unbelastet. So weit, so gut.

In ihrer Leichtigkeit hebt diese Haltung sich zunächst angenehm ab von dem schier unstillbaren Drang des Hobbyhistorikers Helmut Kohl zur bedeutungsvollen Geste. Ob Kohl in Verdun Mitterrands Hand für das historische Foto ergriff und so in der deutschen Schuldund-Sühne-Erinnerung neben Brandts Warschauer Kniefall rückte; ob er Reagans Auftritt an den SS-Gräbern in Bitburg, obwohl die Amerikaner dringend um einen anderen Schauplatz gebeten hatten, schließlich mit einer telefonischen Rücktrittsdrohung geradezu erzwang; ob er im polnischen Kreisau dem wehrlosen Ministerpräsidenten Mazowiecki eine Alles-wird-gut-Umarmung aufdrängte; oder ob er schließlic h grollte, weil die westlichen Siegermächte ihn, den Kanzler des vereinigten Deutschland, zum 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie nicht eingeladen hatten: Geschichte, möglichst zum Anfassen oder Abbilden, hatte ihren festen Platz im Denken des Kanzlers aus der Pfalz.

So aber hat er auch reale Geschichte, nicht nur Bildtermine gemacht. Die deutsche Vergangenheit war für ihn vor allem Antrieb für seine Europapolitik. Das machtvolle Deutschland in die Gemeinschaft der westlichen Demokratien unumkehrbar einzubinden wurde zum zentralen Motiv. Kohl kannte die Sorgen der Nachbarländer, trotz deren Beteuerungen, die Deutschen sollten selbstbewußter auftreten, und wo es aus seiner Sicht hilfreich war, kalkulierte er damit. Und weil er, der zum Kriegsende erst 15 gewesen ist, zwar unbelastet war, aber weder unbefangen noch naiv, hegte er den Deutschen gegenüber ein gesundes Restmißtrauen, darin Adenauer nicht unähnlich.

Dagegen stellt Schröder seine biographisch begründete Unbefangenheit: "Wir wollen den Euro nicht zur Bewältigung der Vergangenheit", sagte er im April in seiner Kandidatenrede, "sondern als Option auf unsere Zukunft." Die Nachbarn erwarteten von den Deutschen, daß sie ihre Interessen "nach außen selbstbewußt formulieren". Nicht als Konsequenz aus der Geschichte, also gezwungenermaßen seien er und seine Generation für Europa, lautete fortan Schröders Kredo, sondern aus freien Stücken und weil dies ökonomisch und politisch den deutschen Interessen entspreche. Last der Geschichte? Nicht ignorieren, nicht übertreiben: Vorrang habe fortan die Lust an der Zukunft.

Markiert darum der Wechsel von den Endsechzigern zu den Mittfünfzigern, von der HJ-Generation zu den 68ern einen Paradigmenwechsel im Verhältnis zur Geschichte? Rot-Grün als neue Regierung, die in fröhlicher Unbefangenheit vor der Jahrhundertwende den berüchtigten Schlußstrich zieht?

Die Akteure und deren Lebensläufe lassen das eigentlich nicht vermuten: Nicht nur Joschka Fischers ungebrochenes und unverhohlenes Engagement in der Auseinandersetzung mit der Geschichte stünde einem allzu leichtfertigen Umgang mit der eigenen generationellen "Unbefangenheit" entgegen. Die europäische Orientierung des SPD-Vorsitzenden und Finanzministers Oskar Lafontaine ist gleichfalls unverdächtig. Und Schröder hat bei unterschiedlichen Gelegenheiten durchaus Sinn für historische Empfindlichkeiten gezeigt.

So bewies der Kanzlerkandidat, außenpolitischer Novize, im März dieses Jahres in Israel sicheren Instinkt. Und seinen ersten Besuch als Kanzler in Polen, gleichfalls unebenes Terrain, hat Schröder soeben vielleicht nicht fehlerlos, aber doch mit Souveränität absolviert. Zwar erfüllte er den Gastgebern keine Wünsche, vor allem nicht den nach einem Zieltermin für den EU-Beitritt. Aber er präsentierte sich als ehrlicher Pragmatiker und verständnisvoller Freund, der zur rechten Zeit auch passende schöne Worte findet: Bei Tisch antwortete er auf Präsident Kwaniewskis Worte vom "polnischen Traum" des Beitritts zur EU mit einer lyrischen Improvisation, die sogar seine Begleiter staunen ließ: "Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keinen Mut zum Handeln."