Der Feind kam aus der Tiefe des Raums, und er kam schnell. Ehe es die Russen recht begriffen, stand Kiew in Brand, und Heinrich der Fromme, Herzog von Schlesien, beratschlagte mit seinen Rittern, was zu tun sei. Mitten hinein platzte der Fall Krakaus, und schon umklammerten die Bürger Breslaus hilfeflehend Heinrichs Knie. Man schrieb das Jahr 1241, die Winterstürme waren vorbei und die Mongolen da. Zehn Tage später, nach gewonnener Schlacht, ritten die Steppenkrieger auf ihren struppigen Pferdchen vergnügt nach Hause. Hoch über ihnen, auf eine Stange gespießt, schwankte der Beweis ihres Sieges: Herzog Heinrichs Kopf.

Nichts leichter, als heutigentags in die Mongolei zu reisen. Acht Stunden dauert der Flug mit dem von der Lufthansa gewarteten Airbus von Mongolian Air Transport, die Visa hat man uns nachgeworfen, und die Hotels der Hauptstadt Ulan Bator bucht man übers Internet.

Heinrich hat länger gebraucht. Nach alter Sitte konservierte man seinen Kopf in Honig und präsentierte ihn stolz dem Großkhan. Sozusagen als Mitbringsel der besonderen Art.

Gleich nach der Landung bittet uns Harry zur Lagebesprechung. Mit kräftigen Strichen zeichnet er auf der Landkarte den mutmaßlichen Weg des Kopfes nach, läßt den Filzer von Schlesien aus nach Ungarn wandern, durch die Ukraine und Südrußland, zieht nördlich am Aralsee vorbei in die Kasachensteppe, quert das Altai-Gebirge, gibt noch 1000 Kilometer Richtung Osten drauf und hält erst in Karakorum, der alten, von Dschingis-Khan gegründeten Hauptstadt. "Genau hier", ruft Harry freudig, "hier fangen wir mit der Suche an!"

Ulan Bator, auf deutsch Roter Recke, hat 750 000 Einwohner und vier Heizkraftwerke russischer Bauart. Zwei haben bereits ihren Geist aufgegeben, die beiden übrigen mühen sich qualmend, den Schadstoffausstoß auf gleicher Höhe zu halten. Im Khan-Bräu, einem rustikalen Biergarten, mustere ich die weiteren Teilnehmer der Expedition.

Umberto, der italienische Pathologe, war schon beim Ötzi dabei und hat sich als Mumienspezialist einen Namen gemacht. Rein theoretisch gäbe es eine reelle Chance, vorausgesetzt, das Artefakt habe in einem luftdichten Behältnis überdauert, sagt er. Carl, unser Logistiker und im richtigen Leben Kunsthändler, berichtet von dem alten mongolischen Brauch, die Schädel einstiger Feinde zu silbergefaßten Trinkschalen umzuarbeiten. So gesehen, könnten wir mit Heinrich in jeder Jurte des Landes konfrontiert werden.

Die Mongolei, sie ist viermal so groß wie Deutschland, aber nur von 2,5 Millionen Menschen besiedelt, hat ein Straßennetz, das diesen Namen nicht verdient. Zaghafte Versuche, die ausgefahrenen Pisten zu asphaltieren, scheiterten am Geld und an einem Klima, das im Winter mit Temperaturen bis minus 50 Grad aufwartet.