Als kleines Mädchen wollte ich unbedingt Matrose werden - irgendwann hab' ich's dann vergessen. Und mich doch immer mal wieder daran erinnert: An einem sonnigen Herbsttag schiffe ich mich in Reykjavøk auf der Khersones, einem ukrainischen Segelschiff, ein. Bis Bremen bin ich kein Tourist mehr, nein, jetzt bin ich Trainee, wie mir der deutsche Verbindungsoffizier erklärt. Aber zuerst möchte ich nur zugucken, Erfahrungen sammeln. "Das ist in Ordnung", lächelt er freundlich, "aber ins Rigg aufentern wirst du doch bestimmt?!"

Ja, doch, das werde ich. Da bin ich sicher, seit ich meine Füße auf die Holzplanken des Decks gesetzt habe. Mit begeistertem Blick nach oben. Ich vergesse einfach mal den eindeutigen Hinweis im Handbuch für Mitsegler: "3 Klimmzüge, 10 Liegestütze und 20 Kniebeugen sind die Faustregel", also die Voraussetzung für jeglichen Rigg-Wagemut. Diese Kondition bringe ich nicht mit - aber ich bin absolut schwindelfrei, wurde bisher noch nie von Höhenangst gebeutelt. Das muß reichen.

Am ersten Tag - grummelig grau, Nieselregen, wenig Wind - schaue ich wirklich nur zu. Wir verlassen Island, die Segel werden gesetzt, eingeholt - gesetzt, eingeholt. Wohl mehr als Training für die Kadetten. Denn Windstärke eins bis zwei bringt nicht viel. Jedenfalls nicht fürs Vorwärtskommen des Schiffes. Für mich schon. Ich studiere die Ziele meiner Abenteuerlust. So ein Mast ist insgesamt fast 50 Meter hoch, hat unterwegs drei Plattformen (Saling), ganz oben eigentlich so gar nichts richtig Standfestes mehr. Eine Saling zu erklimmen erscheint mir schwieriger als vermutet. Die Tücke des Aufenterns liegt im Detail: Die Strickleitern komme ich sicher hoch. Doch die enden unterhalb der Saling direkt am Mast. Von dort aus gilt es, mehr oder weniger über Kopf, wenn auch mit Gurt gesichert, sich auf die Planken der Saling zu ziehen.

Am nächsten Morgen kommt die Sonne raus, ein schöner, windstiller Tag. Wir fahren unter Motor, das Schiff liegt recht ruhig im Wasser. Ideal für die Einweisung der neuen Trainees, wie man sich zum ersten Mal Windjammerträumen nähert. Alles männliche Wesen (zwischen 30 und 60), die da vor mir, mehr oder weniger behende, die Strickleiter und dann die erste Saling erklimmen. Der letzte jedoch versucht sich nur kurz an dieser schwierigen Hals-über-Kopf-Etappe und kehrt um.

Ich komme relativ ruhigen Atems vor der beschriebenen Hürde an. Blauer Himmel und Aufmunterungsrufe: "Laß dir Zeit!" Dann wird's schwierig. Denn in der Fasthorizontalen unter der Saling muß man ein paarmal umgreifen, hängt jeweils kurz nur an einem Arm. Ob meine Muskulatur das mitmacht, weiß ich nicht so recht. Ich gucke hoch, ich gucke runter, ich find's einfach toll. Aber ich hänge doch etwas entscheidungsunfähig zwischen Himmel und Meer. Von oben ermutigen sie mich, von unten winken sie mir zu. Ich winde mich schließlich über die Salingkante.

Da stehe ich nun, 20 Meter über dem Meer. Teile mit den anderen - zunächst vorwiegend sprachlos - eine besondere Form selten erlebten Glücksgefühls. Die Sonne glitzert auf kleinen Wellen - wir bleiben lange! Beim nächsten Mal möchte ich noch höher hinaus.

Einer der wenigen Sonnentage gegen Ende der Reise bietet sich dafür an. Bei Windstärke drei bis vier, unter vollen Segeln, melde ich mich beim Kapitän zur zweiten Saling im Fockmast ab. Diesmal ohne Begleitung, mit voller Fotoausrüstung. Es wird hart da oben, das letzte Stück! Alles schon etwas enger, keine Haltegriffe mehr wie im ersten Stock, nur noch recht unhandliche Schraubgewinde oder Verankerungen. Keiner, der sagt: "Tu dies, tu das." Die Kamera bleibt dauernd irgendwo hängen. Doch dann sitze ich da allein zwischen den leicht knatternden Segeln. Die Sonne zaubert ein prächtiges Spiel von Licht und Schatten. Dennoch brauche ich lange, um Ruhe zu finden. Die Schräglage 30 Meter über dem Meer hat mich ganz schön mitgenommen.