Wieder hat der amerikanische Schriftsteller Louis Begley einen ergreifenden, meisterhaften Roman geschrieben, und wieder lesen wir die Geschichte eines Mannes, der reich ist, der Erfolg hat und den eine fundamentale Lebenskrise ereilt. Und wieder frage ich mich, wie Begley das macht.

Daß er ein Könner ist, der Sprache und Form beherrscht, das wissen die Leser von Begleys Büchern Schmidt , Der Mann der zu spät kam und Wie Max es sah. Sie wissen, daß der pure Inhalt in seinen Romanen zumeist eher unerheblich, ja banal ist und daß er sensationelle Wendungen meidet. Zugleich kennen Begley-Leser den seltsamen Sog, der sie dazu bringt, sich für die Lebensgeschichte von Menschen (und immer sind es ältere Männer) zu interessieren, mit denen man kaum etwas gemein hat und die man, träfe man sie auf einer Stehparty, kaum für interessante Gesprächspartner hielte.

Sind die Krisen, denen Ben (der Mann, der zu spät kommt) oder Schmidt ausgesetzt sind, nicht ebenfalls trivial? Da stirbt eine Ehefrau, da heiratet eine Tochter den falschen Mann, da scheitert eine späte Liebe an mangelndem Mut. Am Ende bleibt der Sprung ins Wasser oder die Flucht in die Arme einer vollbusigen Kellnerin.

Und Vermögen ist immer genug da. Eigentlich zuviel, denn Begleys Helden sind, wenn sie nicht gerade weinen, unablässig damit beschäftigt, den teils ererbten, teils erarbeiteten Reichtum zu mehren, und nichts scheinen sie mehr zu fürchten, als Steuern zu zahlen.

Auch Mistler in Begleys neuem Buch ist, obwohl von einer tödlichen Krebserkrankung gezeichnet, geradezu besessen von dem Trieb, den Verkauf seiner Werbeagentur zu optimalen, steuersparenden Konditionen abzuwickeln. Was dazu führt, daß er die äußerst ansehnliche Fotografin namens Lina, angetan lediglich mit einem Bademantel, in seinem Hotelzimmer mit Blick auf den Canal Grande warten läßt, rasch ein paar Faxe liest und mit seinem Agenten in New York telefoniert, während ihn die zutreffende Vermutung, daß Lina unter dem Bademantel nackt ist, durchaus beschäftigt.

Sex und Macht, das ist trivial. Weshalb aber sind Begleys Bücher auf ihrer Rückseite so furchtbar? Es sind todtraurige Geschichten. Was man erst merkt, wenn es zu spät ist. Dann steckt man als Leser schon in der Tinte und wundert sich nur, wie das Leben so spielt.

Bei Begley ist es immer zu spät. Schmidt zum Beispiel begreift erst im gereiften Alter, daß er ein ziemliches Arschloch ist, und Max merkt es nie. Und Ben hat es immer geahnt, aber nie den Mut, vielleicht auch nicht die Chance gehabt, sein Schicksal zu wenden. So mächtig Begleys Männer auch scheinen, sie sind immer auch erbärmlich.

Also doch Trivialliteratur? Trivial wäre es, wenn es bei Begley so zu lesen stünde, wie es hier etwas herzlos referiert wird. Trivial wäre es, wenn der Autor es darauf anlegte, unser Mitleid, unsere Sympathie zu erregen, so daß wir uns mit der Kantinenweisheit begnügen könnten, Geld allein mache nicht glücklich.

Aber Begley legt es auf gar nichts an. Der Autor ist abwesend. Es gibt nur die Innenansicht seiner traurigen Helden. Und die haben ja allen Verstand auf ihrer Seite, die sind ja klug genug, um die gröbsten Fehler zu vermeiden. Nur den einen und einzigen Fehler nicht, den die mittelalterlichen Dichter vor Augen hatten: media vita in morte sumus - mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.

Daran hätte Mistler nie gedacht. Eines Tages sagt ihm der Hausarzt, daß er noch ein halbes Jahr zu leben habe. Was würden Sie, lieber Leser, an Mistlers Stelle tun? Mistler an eigener Stelle entscheidet sich, dem schmerzlich geliebten Sohn und der schmerzlos geliebten Ehefrau erst mal gar nichts zu sagen und heimlich nach Venedig zu reisen. Venedig ist schön, das wissen wir alle, erst recht der Tod in Venedig. Es zeugt von der Souveränität und von der Risikofreude Begleys, daß er die Nähe zu Thomas Mann und zu all den obligaten Trauer muß die Gondel tragen- Assoziationen mutwillig heraufbeschwört.

Daß Mistler noch einmal Venedig sehen will, hat außerdem einen Grund, der ihm selber kaum bewußt ist. Als er mit der hübschen Fotografin auf dem Zimmer speist (sie bestellt Canneloni, er einen Rotwein, den besten, wozu soll er sparen?), da erinnert er sich, daß er vor vielen Jahren am nämlichen Tisch saß - damals mit seiner schwangeren Frau, die, erschöpft von der Reise und geplagt von geschwollenen Füßen, ebenfalls Canneloni verzehrte und danach den dringenden Wunsch äußerte, von ihm in Ruhe gelassen und nicht sexuell bedrängt zu werden. Was Mistler dazu bewegt, an der nächsten Ecke eine Frau aufzulesen.

"Sie trank etwas Grünes. Der Nachbartisch war frei. Kein Risiko. Wenn er sich einen Tripper holte, würde sich das herausstellen, bevor er wieder mit Clara schlief. Das Apartment der Frau lag günstig auf dem Rückweg zum Hotel. Sie konnte sich zu einem Ball zusammenrollen und die Knie bis zum Gesicht hochziehen. Nach dem ersten Mal fragte er, ob er den ganzen Nachmittag bleiben könne. Ich habe keine appuntamenti, teilte sie ihm mit. Wunderbar. Dieser Ruheplatz war so gut wie jeder andere." Der nächste Absatz beginnt so: "Weshalb hatte er Clara geheiratet? Weil nichts dagegen sprach." Außerdem, so erfahren wir, war sie eine Schönheit, und Mistler konnte sie für seine Werbeaufnahmen verwenden.

Als Mistler eines Tages erfährt, daß Clara ihn mit seinem Kompagnon Peter betrügt, reagiert er kalt und schnell. Peter wirft er aus der Firma, und zu Clara sagt er: "Die Angelegenheit zwischen dir und Peter ist vorbei, ab sofort." Dann heißt es: "Er verbrachte die Nacht im Gästezimmer, aber in der nächsten Nacht schlief er mit ihr, weil er entdecken wollte, was sie von Peter gelernt haben mochte oder vielleicht selbst erfunden hatte, um Peter glücklich zu machen. Womöglich waren ihre Zärtlichkeiten langsamer und bedachter geworden. Eine willkommene Verbesserung, auch wenn sie Peter zu verdanken war."

In solchen Augenblicken neigt man nicht dazu, Mistler sehr sympathisch zu finden. Romanhelden müssen das nicht sein. Das Problem ist nur: Man kann nicht umhin, eine Art Mitgefühl oder Zuneigung zu entwickeln. Sicherlich auch deshalb, weil Begley ganz und gar aus Mistlers Kopf und Bauch erzählt, also gar keinen anderen Standpunkt als den der Identifikation erlaubt. Aber weshalb identifizieren wir uns? Nicht allein, weil dieser Mistler ein trotz alledem nachdenklicher und sensibler Bursche ist, sondern weil er eine Erfahrung macht, deren Ahnung jeden von uns in schreckenshellen Augenblicken überfallen kann: Was wäre, wenn dein Leben zu Ende ginge, jetzt oder übermorgen oder nächstes Jahr?

Aber was heißt Haltung, wenn nichts mehr bleibt?

Der Leser wird zum Voyeur, zum Zeugen eines Vorgangs, in dem sich auf seltsame Weise das Heilige mit dem Unappetitlichen mischt, das Große mit dem Kleinlichen, und natürlich fragt er sich, wie der reiche, erfolgsverwöhnte Mistler damit umgehen wird. Mistler weiß, was Stil und Würde und Form bedeuten. Er spottet insgeheim über die geschmacklosen Klamotten Linas. Er macht Peter keine Szene, er setzt ihn einfach vor die Tür. Er ist ein Mann mit Haltung. Er behält sie bis zum Schluß, als er draußen, am Rand Venedigs, einem Bootsbauer begegnet und ihm ein Ruderboot abkauft, ein schwarzes. Damit wird er aufs Meer fahren, seinem Ende entgegen; ein Bruder Bens, der in der Bucht von Rio den Ertrinkenstod träumt; ein Bruder Schmidts, der sich am Strand von Long Island vorstellt, von den Wogen des Atlantiks hinaus- und hinabgezogen zu werden.

Von Gott ist ein einziges Mal die Rede. Mistler besucht mit Lina die Kirche, in der Tizians Folterung des heiligen Laurentius hängt. Die Folterknechte, sagt er, verrichten das Werk des Herrn. "Menschen tun Böses", entgegnet Lina (die nichts von seiner Krankheit weiß), "sie tun es gegen den Willen Gottes." Mistler: "Die Erklärung ist mir bekannt, aber ich kann mich nicht von dem Gedanken lösen, daß Sein Wille geschieht, wenn Er denn existiert. Denk dir einen Mann mit Leberkrebs. Ist es nicht Gottes Wille, daß er die Krankheit haben soll? Natürlich, du kannst sagen, er müsse eben im voraus für seine Sünden büßen. Oder für Adams Sünde - Eva nicht zu vergessen."

So hadert Mistler, und wieder haben wir es mit dieser doppelbödigen Kunst Begleys zu tun, die leichtfüßig bis zum scheinbar Banalen die tiefsten Dinge berührt. Manchmal merkt man das gar nicht. Die Tizian-Stelle ist ja eine Ausnahme. Zuweilen klingt durch den sanften Plauderton von ganz unten ein herzzerreißender Akkord hindurch, aber so leise, daß man ihn nicht unbedingt hören muß. Bei Begley bleibt einem das Weinen im Halse stecken.

Und wieder die Frage: Wie macht er das? Denn es ist insofern "gemacht", als wir es mit einem hochbewußten Artefakt zu tun haben. Natürlich besitzt Begley die amerikanische Tugend, das Schwere und Tiefe nur anzudeuten und das Leichte pastellfarben hinzutupfen. Aber es fehlt ihm jener redundante Realismus, der aus jedem mittleren amerikanischen Roman einen Fünf-, Sechs-, Siebenhundert-Seiten-Schinken macht, weil jede Türklinke und jeder Sonnenuntergang en détail beschrieben wird. Derlei zu lesen, falls es gekonnt ist, macht ja auch Spaß. Aber Begleys Kunst besteht ganz einfach darin, die Hälfte wegzulassen. Er verwendet die literarische Form der Ellipse derart virtuos, daß einem das Weggelassene gar nicht auffällt.

Den Autor möchte ich sehen, der eine solche Tod in Venedig -Geschichte nicht dazu benutzt hätte, Venedig noch einmal und vielleicht noch schöner abzubilden. Aber in Mistlers Abschied sehen wir weder den Markusplatz noch Harry's Bar. Das kennt man ja, und deshalb verzichtet Begley darauf. So, wie ein guter Anwalt in einem guten Schriftsatz darauf verzichtet, dem, was sich von selber versteht, großen Raum zu geben. Daß Begley jahrzehntelang vor allem Schriftsätze verfaßt hat, kommt ihm nun zugute.

So wird die Kunstform des Small talk abgemagert, reduziert, und dadurch kriegt sie etwas Brüchiges, Unsicheres und um so Eindringlicheres. Der Klang des gesunden Menschenverstands, der aus Mistlers sonoren Reflexionen steigt, wird hörbar rauh, bis er abbricht.

Vielleicht muß man hier noch einmal sagen, daß Begley mit seinem ersten Buch Lügen in Zeiten des Krieges (1994) plötzlich bekannt wurde. Da erzählt er die Geschichte eines Jungen, der die Verfolgung und Vernichtung der polnischen Juden unter abenteuerlichen Umständen überlebte. Bedingung des Überlebens war die Verleugnung der eigenen Identität. Es ist Begleys Geschichte.

Als wäre damit ein Bann gebrochen, hat er seitdem im Jahresabstand vier Romane geschrieben. Sie haben mit dem ersten scheinbar nichts zu tun. Hier Krieg und Vergangenheit, dort Frieden und Gegenwart. Aber Thema aller Bücher ist das verfehlte Leben: verfehlt, weil ein fremdes Gesetz, das dem eigenen, inneren Gesetz widerspricht und es aufhebt, zu einer entfremdeten Lebensweise zwingt. Dieses Gesetz muß nicht das Rassengesetz sein. Es genügt das Gesetz des Erfolgs, des vorgegebenen Weges. Dessen Wirkung ist weit weniger verheerend und glücklicherweise selten tödlich, aber es führt den, der ihm nicht widersteht, in jene Erbärmlichkeit hinein, der Mistler am Ende nicht ausweichen kann. Krampfhaft bemüht er sich, Haltung zu wahren, aber sie nutzt ihm nichts mehr.

Louis Begley ist Anwalt in New York, und er kennt die Menschen, die Verhältnisse sehr genau, über die er schreibt. Vielleicht ist die Vermutung erlaubt, daß der Autor, indem er die Variationen des mittleren Erfolges so unbarmherzig recherchiert, auch eine Art Exorzismus übt. Er vertreibt die Schatten seiner eigenen Vergangenheit. Und zugleich vertreibt er die Schatten des verfehlten Lebens. Es droht einem jedem, und jenen am ehesten, die scheinbar auf der Sonnenseite äsen. Das ist der große Roman, an dem Louis Begley schreibt.

Louis Begley: Mistlers Abschied Roman; aus dem Amerikanischen von Christa Krüger; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998; 284 S., 39,80 DM