Das von Stéphane Courtois herausgegebene Schwarzbuch des Kommunismus hat in Frankreich Furore gemacht und sollte auch hierzulande eine nachhaltige Debatte auslösen. Verglichen mit den aufwühlenden Auseinandersetzungen um Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker oder die Hamburger Wehrmachtausstellung, blieb die öffentliche Reaktion jedoch trotz vieler Anschubhilfen matt. In Deutschland, wo Antikommunismus verbreiten heißt, Eulen nach Athen zu tragen, konnte das Schwarzbuch kein Erstaunen auslösen. Ebensowenig konnte die von Herausgeber Courtois betriebene Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus nach dem "Historikerstreit" der achtziger Jahre noch großen Zuspruch finden. Gleichwohl ist es zu begrüßen, wenn die Fehl- und Trugschlüsse einer totalitarismustheoretisch geläuterten Renegatenliteratur benannt und - soweit möglich - widerlegt werden.

Der von Jens Mecklenburger und dem Berliner Historiker Wolfgang Wippermann herausgegebene Band genügt diesem Ziel nicht immer, ja verfehlt bisweilen das mit dem Schwarzbuch aufgeworfene moralische Problem. Der Band versammelt diverse Arten von Beiträgen: Aus Frankreich stammen trotzkistische oder reformkommunistische Beiträge, die aus einer parteilichen oder parteinahen Perspektive das Projekt der Bolschewiki historisch rechtfertigen wollen und sich dabei ein weiteres Mal in den hoffnungslosen Versuch verstricken, Lenin zu exkulpieren und den Stalinismus zu einer Art Betriebsunfall zu erklären. Wenig Verständnis wird man auch für Bernhard Schmid aufbieten, der in apologetischer Manier "den Einsatz von Zwangsarbeit" als "nachgeholte Industrialisierung im Zeitraffertempo" beschreibt.

Sodann finden sich - politikwissenschaftlich solide und bezüglich der historischen Verantwortung der Deutschen sensible - Auseinandersetzungen mit der von Courtois beschworenen, aber nicht begründeten Totalitarismustheorie. Wolfgang Wippermann und Hermann L. Gremliza demonstrieren sarkastisch und überzeugend die seit langem bekannte Erklärungsschwäche dieser in sich vielfältigen Doktrin. Das ist in Zeiten, wo die häufiger zitierte denn studierte Hannah Arendt für beliebige politische Absichten - vom bürgerschaftlichen Engagement von Senioren bis zum Eintreten für neoliberales Wirtschaften - ausgebeutet wird, eine unerläßliche, geradezu volkspädagogische Aufgabe.

Schließlich lassen sich die Artikel von Ulrich Herbeck und Mark B. Tauger ernsthaft auf die Grausamkeiten des russischen Bürgerkrieges und die stalinistische Kollektivierung ein. Dabei überzeugt der Nachweis der systematischen Judenfeindschaft und Pogrombereitschaft der weißen Armee sowie der damit einhergehenden Eskalation des Bürgerkriegs ebenso, wie die Frage, ob die Hungersnot in der Ukraine von Stalin wirklich beabsichtigt war, beunruhigt. Daß das so war, scheint jedenfalls weniger sicher zu sein, als gemeinhin vermutet. Darf man das als "revisionistisch" bezeichnen?

Endlich zeigen jene Artikel, die sich mit den Thesen des Schwarzbuchs zum Kommunismus in China, Kambodscha, Afrika und Lateinamerika auseinandersetzen, wie dünn, unbegründet und in der Sache unhaltbar eine nur vom ideologischen Wollen, alle ökonomischen und machtpolitischen Bedingungen ausklammernde Analyse ist. Wenn freilich Roland Lew in seinem sonst aufschlußreichen Artikel über China Maos Tote gegenüber Stalins Toten geringer gewichtet, zeigt sich ein weiteres Mal die wenig souveräne, oft apologetische Konzeption des Bandes.

Der Streit um die Totalitarismustheorie, um die Gleichsetzung von Auschwitz und Gulag und den Antifaschismus war eine Front im Kalten Krieg. Es scheint, als ob nicht alle Autoren und Autorinnen des insgesamt verdienstvollen Buches bemerkt haben, daß diese Schlachten geschlagen sind.

Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann (Hrsg.): "Roter Holocaust"? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus; Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1998; 294 S., 39,- DM