Hans und Sophie Scholl und ihr Kreis gehörten zu den wenigen echten Märtyrern des antinazistischen Widerstandes in Deutschland. Sie begannen mit ihrem Widerstand viel früher als andere, sie verfügten über keine Machtmittel, und sie gehörten keiner politischen oder militärischen Organisation an, die ihrer Initiative einen gewissen Erfolg hätte sichern können. Sie handelten ohne Aussicht auf die Erreichung konkreter politischer Ziele, und je größer ihr Aktionsradius, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß dies zu ihrer Verhaftung und zu ihrem Tod führen würde. Die Geschwister Scholl waren das Beste, was Deutschland in der finstersten und schändlichsten Periode seiner Geschichte aufbieten konnte.

Ich muß gestehen, daß ich die Flugblätter der Weißen Rose seit mindestens dreißig Jahren nicht mehr gelesen hatte. In den letzten drei Wochen jedoch haben mich diese wenigen Blätter wieder in ihren Bann geschlagen. Es ist nicht nur der Mut der Geschwister und der anderen Mitglieder ihres winzigen Kreises, den ich bewundernswert finde; es ist auch ihre bedingungslose Bereitschaft, aus einem fast ausschließlich moralischen Impetus heraus der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und des Sterbens ins Auge zu sehen. Anders als die Widerstandskämpfer in den von Deutschland besetzten Ländern Europas konnten die Scholls nicht auf die stillschweigende oder aktive Unterstützung von Hunderttausenden ihrer Landsleute bauen; sie handelten vielmehr gegen die Überzeugungen oder gegen die Gleichgültigkeit der überwältigenden Mehrheit des eigenen Volkes.

Kurz nach dem Krieg las ich ein Buch, das mich damals sehr beeindruckte: Oberst Remis' Das Buch vom Mut und von der Angst. Es vermittelte den Eindruck, im besetzten Frankreich sei die Zahl der Helden sehr groß, die der Feiglinge sehr klein gewesen. Die Botschaft der in dieser Zeit gedrehten französischen Filme über die Résistance war die gleiche. Ein Schweizer Film, den ich damals sah, glorifizierte sogar die heroische Haltung der Schweiz in den Kriegsjahren. Die letzte Chance erzählt die Geschichte einer Gruppe von Juden, die 1942 über die Alpen flüchtet und unter schrecklichen Entbehrungen und Gefahren schließlich den sicheren Boden der Schweiz erreicht, deren Grenzwächter sie mit offenen, schützenden Armen empfangen ...

Die Franzosen brauchten nach Ende des Krieges über zwanzig Jahre, bis mit Die Trauer und das Mitleid erstmals ein Film gezeigt wurde, der die von Gaullisten und Kommunisten gleichermaßen gehätschelte (und von den meisten Franzosen gern geglaubte) nationale Legende entmystifizierte. Im Fernsehen wurde dieser Film erst rund zwanzig Jahre später gesendet. Ein nationaler Mythos läßt sich nur schwer erschüttern, wenn die kollektive Selbstachtung auf dem Spiel steht oder kollektive Schamgefühle heraufbeschworen werden könnten. Mythos und Verdrängung waren nach dem Zweiten Weltkrieg in allen westlichen Ländern die probatesten Beruhigungsmittel. Doch seltsamer- und paradoxerweise drängt sich trotz der Widerstände gegen die Entmystifizierung die bittere Wahrheit über diese Vergangenheit immer mehr in den Vordergrund. Diese Vergangenheit ist gegenwärtiger denn je. Es ist ein paradoxes Phänomen, das der tiefer gehenden Reflexion wert ist. Im deutschen Kontext war es Martin Walser, der sich in seiner inzwischen berühmten Rede dieses Themas angenommen hat.

Niemand kann auf Dauer die Öffentlichkeit manipulieren

Nach Ansicht Walsers ist diese Vergangenheit im Lauf des zurückliegenden Jahrzehnts immer bedrängender geworden. Ich halte diese Einschätzung für zutreffend. Ich möchte jedoch im Gegensatz zu dem, was Walser in seiner Rede offenbar sagen wollte, Zweifel an der These anmelden, die zunehmende Präsenz der Nazizeit im Bewußtsein der Zeitgenossen sei vor allem eine Folge politischer und medialer Instrumentalisierung, eines gedankenlosen rituellen Abfeierns oder einer zwanghaften politischen Korrektheit. Obwohl alle diese Elemente vorhanden sind, bezweifle ich, daß irgendeine Person oder Gruppe in der Lage ist, das Gedächtnis der Öffentlichkeit auf Dauer zu manipulieren.

Wenn es eine politische oder kommerzielle Instrumentalisierung des Holocaust gibt, dann beutet sie etwas unabhängig von ihr Vorhandenes aus; die ursächlich treibende Kraft dieses Prozesses kann sie nicht sein, sowenig, wie sie ihn signifikant prägen kann. Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, daß diese Vergangenheit nicht nur in Deutschland und nicht nur bei den Juden in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist, sondern auch in Holland, Frankreich, Italien, der Schweiz sowie zunehmend auch in Großbritannien. Dasselbe gilt natürlich für die Vereinigten Staaten. Auch für die christlichen Kirchen ist die NS-Vergangenheit zu einem beherrschenden Thema geworden. In der katholischen Kirche hat die Erklärung zur Schoah viele Fragen aufgeworfen, ebenso wie die Heiligsprechung von Edith Stein.