Man kann das Thema in zwei Worten abhandeln. Passen Männer und Frauen zusammen? Eigentlich nicht. Oder, etwas differenzierter, in dreien: Mann + Frau = Krise, hieß es im Spiegel Special ; auch damit war schon vieles gesagt. Aber, der Leser ahnt es, nicht alles. Das große lamento amori will am Ende des 20. Jahrhunderts nicht verstummen. Wie denn auch? Die Schlacht hat ja erst begonnen.

"Auf Mann und Frau", weissagt der Dichter Peter Handke, "wartet heute von Anfang an der Haß. So viel Schmutz und Verschmutzung zwischen den Geschlechtern war nie" (In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus) . Was nicht ganz zufällig wie eine Beschreibung der Zustände im Kosovo klingt. Seit Monaten rangiert ein Buch der New Yorker Lektorin Harriett Rubin auf der Bestsellerliste, das sich Machiavelli für Frauen nennt. Es handelt von der Macht, wie man sie kriegt und damit zwangsläufig von üblen Machenschaften. Böse Mädchen kommen überallhin.

Keine Schonung, nirgends. Und schon gar nicht für Unsere Mütter. Das Kursbuch 132 liest sich wie blanke Verachtung. Geschrieben von Männern und Frauen, wohlgemerkt. "Liebe Mutter, dein Tod war für mich eine Erlösung, wenn auch keine Befreiung. Ich weiß, du hast mich über alle Maßen geliebt, aber deine Liebe bedeutete immer nur Qual und Folter für mich" (Rudolf Westenberger). "Dahinten auf dem Photo steht sie. Ja, die mit dieser Nazirolle über der Stirn" (Eva Demski). "Aasgeier wachen erst dann aus ihrer Schläfrigkeit auf, wenn sie Witterung bekommen, daß ein Tier stirbt. Daß auch Menschen, insbesondere Mütter, die Charakteristika von Aasgeiern haben können, wurde mir erschreckend deutlich anhand des Lebens von Käthe Kollwitz" (Andreas Benz). "Man muß sein Mütterlein einfach liebhaben. Schon aus Notwehr" (Cora Stephan). "Jede Mutter ist eine Terroristin, nur sind jüdische Mütter noch ein wenig mehr so" (Henryk Broder). "Ich habe sie umgebracht, sagte er. Es klang wie eine Liebeserklärung" (Keto von Waberer).

Der Mann ist nur böse, das Weib aber schlecht

Wie soll man das nennen? Einen Diskurs? Wohin soll man sich in diesem Stellungskrieg ducken? Hinter Nietzsche? "Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es haßt; denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht." Aber ist damit schon alles Wesentliche gesagt? Die Liebe und der Haß, sie werden noch lange bestehen. Daß dabei Erhabenes neben das Triviale drängt, ist unvermeidbar. Es geht eben zu wie im wirklichen Leben.

Unter dem Titel Liebe am Ende des 20. Jahrhunderts - neue Wege in der Soziologie intimer Beziehungen fand im Oktober 1997 eine Tagung in Bonn statt. Finanziert wurde sie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; daran sah man, daß hier keiner zu kurz kam. Jetzt liegt das Ergebnis als Buch vor, herausgegeben von Kornelia Hahn und Günter Burkart. Viel Bedenkenswertes findet sich darin, vor allem sehr viel Luhmann. Die Liebe, postulierte der große Bielefelder Systemtheoretiker, sei reiner Zufall und die "hohe Unwahrscheinlichkeit eines solchen sozial haltlosen Zustands" könne nur als "Wahrscheinlichkeit des Mißlingens" begriffen werden. Was sich anschaulich im neuen deutschen Film beweist; ein sogenanntes Verhältnis funktioniert hierzulande bloß noch als Komödie.

Die Sehnsucht freilich, daß es irgendwie und irgendwann anders sein könnte, scheint unausrottbar. Die größte Love-Story der vergangenen Jahre hieß bezeichnenderweise Titanic, und daß der Liebhaber darin an Unterkühlung stirbt, zeigt einmal mehr, daß die Liebe selbst unsterblich ist. Ein Wunder, gewiß, und ein Widerspruch in sich, aber ein immanenter. Noch einmal Luhmann: Liebe kombiniert geradezu von selbst Entgegengesetztes. Eroberung und Unterwerfung, sehende Blindheit, leidendes Genießen, bittersüßes Martyrium, und alle Paradoxien münden in die Maßlosigkeit, den Exzeß. Maßvolles Verhalten wäre in der Liebe ein tödlicher Fehler. Das entschuldigt so manchen Ausrutscher auf dem Beziehungsparkett. Ansonsten konnten sich die Soziologen in Bonn nicht recht auf den Begriff einigen. Wie soll man das nennen, was sich zum Ende des Jahrtausends zwischen Mann und Frau regt? Partnerschaft? Postromantik? Im Angebot waren bisher: die platonische Liebe, die aristotelische philia, der eros, der nomos sowie die agape. Ferner Minnesang und Courtoisie. Mystische Liebe und amour passion. Innige Freundschaft, Sinnen- und Seelenliebe, sentimentale, pragmatische, schließlich ironische Liebe. Aber heute?