Ein schlechter Verlag: schickt das Manuskript eines nicht bekannten Autors ungelesen zurück; gibt das eines berühmten Autors unredigiert in die Druckerei; läßt den Klappentext, der die Buchhändler orientieren soll, von einem Volontär schreiben, der auch keine Zeit hatte, das Buch vorher zu lesen. Kleinere Regionalzeitungen verwenden diese Klappentexte an Stelle von Besprechungen, denn sie können keinen Profi dafür gewinnen, 540 Seiten zu lesen und danach 3 Seiten darüber zu schreiben, Zeilenhonorar 80 Pfennig.

Alles bekannt. Nur daß so etwas auch im Insel Verlag passiert, war mir neu. Da lese ich auf der Klappe: "Sigrid Damm ... fragt in diesem Roman danach ..., wer Christiane Vulpius wirklich war ..." Ein Blick in das Buch. Da steht auf Seite 25: "Ich wende Blatt um Blatt um." Auf Seite 21: "Ich habe Glück, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter hilft mir"; auf der gleichen Seite auch: "Die bei der Fürstl. Regierungs Kanzley zu Weimar stehende Kanzlisten wie auch Verschiedener Personen Gesuch um dergl. Dienste 1755-1775: B 23379."

Wenn das ein Roman ist, dann einer, den ich nicht lesen will. Aber es will auch gar keiner sein. Der ahnungslose Insulaner hat lediglich einen daraus gemacht. Die Autorin selber nennt es schlicht und treffend "eine Recherche".

Recherchiert werden soll also, wer Christiane Vulpius "wirklich" war. Das haben schon viele getan, zuletzt Eckhart Klessmann. Aber doch nur wenige so engagiert, so kenntnisreich und so mühsam wie Sigrid Damm. Es ist sicher richtig, das Leben und Lieben des jungen Mädchens, das von 1788, seinem 23. Lebensjahr an, bis zu seinem Tode 1816 mit Goethe verbunden war, im Rahmen dieser Verbindung zu sehen. Ein großer Teil des Rahmens muß durch Goethe gefüllt werden. Aber darin liegt eine Gefahr. Der scheinbar Allgewaltige droht durch seine Omnipotenz die kleine Putzmacherin zu erdrücken. Der Versuch, Christiane größer zu machen, indem man Goethe kleiner erscheinen läßt, mußte mißlingen, wenn man dafür die ganze Weltgeschichte, Napoleon inklusive, in Bewegung setzt. Und dabei hätte Christiane das gar nicht nötig gehabt.

In die richtige Perspektive gerückt, straft sie all ihre Verleumder Lügen. Aber diese richtige Perspektive fällt der Autorin leider erst am Ende ein. Wenn man Sigrid Damms verdienstvolle Datensammlung in den natürlichen Zusammenhang bringt, wird einem klar, wie dumm und schäbig große Geister unserer Zeit über eine geurteilt haben, von der sie außer dem Weimarer Hofklatsch nichts wußten. Thomas Mann nennt sie auf italienisch ein schönes Stück Fleisch, "un bel pezzo di carne, gründlich ungebildet". Und Robert Musil entblödet sich nicht, ihr eines der albernsten Namenswortspiele anzuhängen, indem er sie die Frau mit dem "halb unanständigen Namen" nennt, die "bekannte Sexualpartnerin des alternden Olympiers". Gewiß hatte sie eine Vulva, aber vulgär war sie nie mehr als andere Leute, wenn sie ein bißchen zuviel getrunken haben. Gewiß war Goethe 15 Jahre älter als sie, und als er sie kennenlernte, war er ein Greis von 38 Jahren. Fleisch sind wir alle, und nicht immer schön. Das Leben und die Geschichte wollen lehren, die Schönheit einer Frau liege im Auge des Betrachters. Der Betrachter Goethe, als Zeichner nicht ungeübt, hat uns ein Bild von Christiane hinterlassen, das deutlich genug zeigt: für ihn war sie sehr schön.

Wahr bleibt: im deutsch-humanistischen Sinne "gebildet" war Christiane sowenig wie andere Weimarer Mädchen ihres Standes und ihrer Zeit. Für Goethes Mutter (auch "ungebildet") war sie ein "herrliches unverdorbenes Gottesgeschöpf". Am Ende entschied sich Goethe für dieses Geschöpf und gegen Frau von Stein, also gegen die "Bildung"; wobei man auch diese Bildung des Weimarer Adels, ob weiblich oder männlich, nicht überschätzen darf. Seinen großen Ruf als Metropole des Geistes und der Musen verdankt das Weimar des ausgehenden 18. Jahrhunderts lauter Immigranten: Wieland, Herder, Schiller ... und an erster Stelle natürlich Goethe.

Es gibt kein anderes Weimarer Bürgersmädchen aus armer, aber durchaus anständiger Familie, über das wir so viel wissen wie über Christiane Vulpius. Da ist schon einmal der solide Fundus aus 601 Briefen; 247 von ihr an Goethe, 354 von Goethe an sie. Die Weimarer haben sich über sie geäußert und viele Besucher Goethes. Von den uns bekannten Urteilen sind die meisten abfällig.