Und das wurde nicht besser, nachdem Goethe Christiane mehr als 18 Jahre nach jenem 12. Juli 1788, auf den sie den Beginn ihrer Liebe datierten, in aller Form geheiratet hatte. Unserer Autorin Damm fällt es schwer, bei Goethe, dem in der Tat sein Werk das Wichtigste war, auch nur so etwas wie Spuren alter Lieb und Treu zu entdecken. Er ließ freilich keinen Tag vergehen, ehe er versuchte, seine Ehefrau in die Gesellschaft einzuführen. Bezeichnend ist, daß er bei einer Zugewanderten den Anfang machte, nämlich bei der Danzigerin Johanna Schopenhauer, der Mutter des Philosophen. Die sah das alles etwas menschlicher: "Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben."

Goethe verhängte Todesstrafe über eine Kindsmörderin

Sigrid Damm gibt uns ein gutes und treffendes Bild von Christiane Goethe-Vulpius. Wenn sie es doch nur lassen könnte, dieses Bild durch lauter verwirrende Fetzen einer Goethe-Biographie unscharf zu machen. Ihr größter Vorwurf ist, Goethe habe Christiane zu oft allein gelassen. Sei dem so. Aber man muß Christianes Einsamkeit doch nicht immer wieder illustrieren, indem man nun seitenlang mitteilt, wo Goethe gerade war: in Italien oder in Mainz oder in Jena oder in Saalfeld oder oder oder ... und was er da getrieben hat.

Etwa 30 Seiten widmet die Autorin einer Geschichte, die so nicht vielen bekannt ist: Der gleiche Dichter, der sich durch die Hinrichtung der Kindsmörderin Susanna Margarete Brandt zu einer der rührendsten Frauengestalten des deutschen Theaters inspirieren ließ, hat als eines von drei Mitgliedern des Geheimen Conseil der Weimarer Regierung seine entscheidende Stimme dafür abgegeben, daß elf Jahre später in Weimar gegen eine Anna Catharine Höhn, des gleichen Verbrechens angeklagt, die Todesstrafe verhängt wurde. Wie immer man es erklärt: dieses Verhalten ist geeignet, Goethe eine Nummer kleiner zu machen. Mit Christiane Vulpius und ihrem Verhältnis zu Goethe hat es jedoch nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Kommen wir zu dem Satz, der mir in dem Buch der Sigrid Damm am besten gefallen hat: "Goethes tiefe Beglückung ... Zum allerersten Mal - und es wird sich in seinem Leben nicht wiederholen - sind in ein und derselben Frau beide grundverschiedenen Formen des Eros vereinigt, zwischen denen er lebenslang schwankt. Da sind zum einen Frauen wie Charlotte von Stein und Kindfrauen wie Caroline Ulrich oder Silvie von Ziegesar, die ihm körperliche Enthaltsamkeit aufzwingen bzw. die er sich selbst gebietet; bei denen es ihm aber gelingt, diese Ferne durch geistigseelische Nähe und Vertrautheit aufzuheben; für eine Zeit zumindest. Zum anderen Frauen wie Faustina, seine römische Geliebte (in gewisser Weise auch die ,Misels' seiner Jugend), deren körperliche Nähe ihm Beglückung bedeutet. Und die Intimität der Körper läßt - wiederum für eine Zeit - geistige Ferne oder gar Fremdheit vergessen, überspielt sie ... Mit Marianne Willemer tritt ihm eine Frau entgegen, in der sich beide Beglückungen vereinigen könnten."

Das ist kein Evangelium. Aber diese hier ziemlich weit nach hinten gedrängten Überlegungen hätten eine geeignete Ausgangsbasis ergeben für das ganze Buch. Wer danach fragt, was Christiane und Goethe einander bedeuteten, kommt zu keiner sinnvollen Antwort, wenn er die Frage so auflöst: Was bedeutete er ihr? Was bedeutete sie ihm? Sinn machen nur die Fragen: Was war Goethe für Christiane und was andere Männer? Oder eben: Was bedeutete Christiane dem Goethe, nach, neben oder vor anderen Frauen?

Was sie für Goethe bedeutete, ist nicht an Goethe zu messen, sondern nur daran, welche Bedeutung andere Frauen für ihn hatten, zum Beispiel (und die Reihenfolge ist nicht ganz zufällig): Charlotte von Stein, die Faustinen und Bettinen Italiens, Marianne Willemer, Kätchen Schönkopf, Charlotte Buff, Friederike Brion, Lili Schönemann, Ulrike von Levetzow. Und sonst "ferner liefen"? Das darf nicht stehen bleiben ohne den Hinweis, daß einige Psychologen unter den Goethe-Kennern an erster Stelle die Schwester Cornelia nennen würden. Aber das ist ein anderes Thema.