So viele heitere Mienen hat man auf einem Empfang der deutschen Botschaft in Pretoria selten gesehen. Politiker, Diplomaten und Rüstungsmanager stießen auf ein soeben vom Kapstädter Parlament abgesegnetes Waffengeschäft an - das größte in der Geschichte Südafrikas. Die Kaprepublik kauft Kriegsgerät im Wert von 29,7 Milliarden Rand, umgerechnet rund 10 Milliarden Mark: Korvetten, U-Boote, Kampfjets, Hubschrauber, Schulungsflugzeuge. Ronnie Kasrils, der Vizeverteidigungsminister, strahlte ganz besonders: Alles, was auf dem Wunschzettel der Militärs stand, wird demnächst erfüllt.

Zur gleichen Zeit kam auch im hohen Norden Deutschlands vorweihnachtlicher Jubel auf. Denn der Zuschlag für den Bau von vier Kriegsschiffen und drei U-Booten geht mit hoher Wahrscheinlichkeit an zwei deutsche Konsortien, an denen der Thyssen-Ableger Blohm + Voss, die Preussag-Tochter HowaldtswerkeDeutsche Werft (HDW), Thyssen Rheinstahl Technik und Ferrostaal beteiligt sind. Auftragswert laut Tageskurs: 3,3 Milliarden Mark. "Das sind die Perspektiven, die wir brauchen. Sie sichern unsere Arbeitsplätze", freute sich Otto Tetau, der Betriebsratsvorsitzende der Hamburger Traditionswerft Blohm + Voss. Und in Kiel schwärmte die HDW-Specherin Waltraud Löcherer: "Ein schöner Erfolg."

Nun ist man endlich am Ziel, noch dazu ganz legal, und die schmutzigen Deals von damals sind vergessen. Zur Erinnerung: Im Jahre 1984 hatte die HDW im Bund mit dem Ingenieur-Kontor Lübeck (IKL) quasi im Tauchgang das Waffenembargo der Vereinten Nationen gegen das Apartheidregime unterlaufen: Per Diplomatenpost waren Blaupausen für die Konstruktion von U-Booten an Pretoria geliefert worden. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und sein Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg saßen die Affäre gemeinsam aus, und die Hintergründe blieben bis heute im dunkeln.

Schwamm drüber, jetzt wird in die Zukunft geschaut. Das Deutsche Fregattenkonsortium hat errechnet, daß der lukrative Handel rund sechs Millionen Arbeitsstunden auf den Werften in Kiel, Hamburg und Emden sowie bei den Zulieferbetrieben sichert. Die südafrikanische Regierung hofft sogar auf 64 166 neue Arbeitsplätze, denn das Gesamtbündel der Rüstungsaufträge, vergeben an Konzerne in Deutschland, England (British Aerospace), Schweden (Saab) und Italien (Agusta), ist an Gegengeschäfte im Wert von 33 Milliarden Mark gekoppelt. Die Partner wollen in insgesamt 22 Großprojekte in den Sektoren Elektronik, Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemie, Metallveredlung, Textilproduktion und Wohnungsbau investieren. Zudem sind Förderprogramme für Gewerbeparks und schwarze Mittelbetriebe geplant.

Ein umstrittenes Waffengeschäft und viele sinnvolle Nebeneffekte - die Rüstungsgegner Südafrikas tun sich schwer mit ihren Einwänden. Njongonkulu Ndungane, der anglikanische Erzbischof von Kapstadt, kritisiert den Umfang der Einkäufe: "Wir haben eine Luxuslimousine bestellt, wo es ein Mittelklassewagen auch getan hätte." Laurie Nathan vom Centre for Conflict Resolution ruft dringlichere Probleme ins Gedächtnis: "Im Blick auf die Zustände in unseren Krankenhäusern sind die Ausgaben inakzeptabel." Brot oder Kanonen - in der Tat muß man sich fragen, ob die Milliarden in den Townships nicht besser angelegt wären. Dort herrschen noch immer bittere Armut, Krankheit und oft auch Hoffnungslosigkeit. Die Menschen rufen nach Schulen, Krankenbetten und Stromanschlüssen, nach sauberem Wasser, ordentlichen Straßen und einer funktionierenden Müllabfuhr.

Aber genau da setzen wir an, sagen die Abwickler des Geschäfts und verweisen auf seine nichtmilitärischen spin offs, zum Beispiel auf das von Thyssen geförderte Fertighaus, nach dessen Modell im Rahmen des staatlichen Aufbauprogrammes 20 000 billige Wohnhäuser für Schwarze gebaut werden sollen. Die Einigung der europäischen Anbieter und der südafrikanischen Käufer setzt neue Maßstäbe in der Branche: Rüstung und Entwicklung kommen im Doppelpack, wodurch die moralischen Bedenken abgemildert werden. Die Vermittler, die solche Tauschgeschäfte einfädeln, hat man sich auch nicht mehr als skrupellose Profiteure oder gar als "Händler des Todes" vorzustellen. Sven Moeller, Manager bei der Thyssen-Niederlassung in Johannesburg, könnte ebensogut Projektleiter einer humanitären Hilfsorganisation sein, für den es ganz selbstverständlich ist, sich mit den sozioökonomischen Verhältnissen im "Einsatzgebiet" auseinanderzusetzen.

Das Kompensationsgeschäft schaffe vermutlich mehr Arbeitsplätze als der kürzlich abgehaltene Job-Gipfel, meint Jakkie Cilliers vom Institute for Security Studies. Was könnte das Häuflein der Pazifisten, das auch in Südafrika schwindet, da noch entgegenhalten? Außerdem: Pretorias Wehretat ist seit dem Machtwechsel im Jahre 1994 erheblich geschrumpft; im Staatshaushalt 1998/99 sind nur noch 7 Prozent für Verteidigung vorgesehen, während die Ausgaben für Erziehung, Gesundheit, Wohnungsbau und Soziales 53 Prozent betragen - ein weltweit vorbildliches Verhältnis. Durch die geplanten Waffeneinkäufe wird der Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt von 1,5 auf 1,8 Prozent steigen; zum Ende der Apartheid betrug er noch 5,3 Prozent.