Mit drei Schüssen in den Kopf von Galina Starowojtowa ist in Rußland ein Anschlag auf die politische Freiheit verübt worden. Das Land, aus dem so viele fähige Menschen emigrieren, hat eine seiner wenigen unbestechlichen Stimmen verloren - und seine bekannteste Politikerin. Die Ethnologin vermittelte in der zusammenbrechenden Sowjetunion in nationalen Konflikten. Als demokratische Duma-Abgeordnete reizte die scharfzüngige 52jährige die nationalpatriotische Mehrheit mit ihren Reden aufs Blut. Für ihre männlichen Gegner war es am schlimmsten, daß diese Frau keine Angst kannte. Auch deshalb mußte sie sterben.

Die Spuren der Mörder führen ins Milieu von St. Petersburg. Am 6. Dezember stehen Wahlen zum Stadtparlament an. Galina Starowojtowa hatte "ihre" Demokraten im Wahlkampf kräftig unterstützt, hingegen das Unvermögen des Gouverneurs angeprangert und die schmierigen Methoden der Kommunisten sowie kleinerer Parteien gegeißelt. Bei den Gouverneurswahlen wollte sie selbst kandidieren. Damit bedrohte sie die Interessen einflußreicher, gut bewaffneter Clans in St. Petersburg. Der Wahlkampf wurde im Oktober bereits mit mehreren Anschlägen eröffnet. Galina Starowojtowa ist das bekannteste Opfer der Petersburger Übungen in "freier demokratischer Wahl".

Der politische Mord hat in Rußland eine lange Tradition. Ministerpräsident Stolypin, der deutsche Botschafter Graf Mirbach, der Leningrader Parteichef Kirow, der nach Mexiko geflüchtete Revolutionär Trotzkij sind in diesem Jahrhundert nur einige von vielen Terroropfern. Das sich mühevoll demokratisierende Rußland brach nicht mit diesem Erbe, sondern fügte dem politischen den Geschäftsmord hinzu. Ob Journalisten wie Wladislaw Listjew oder Dmitrij Cholodow, ob der Petersburger Privatisierungschef Michail Manewitsch, ob der Priester Alexander Menj - sie alle wurden wahrscheinlich von Gruppen umgebracht, die die öffentliche Intervention mit Schußwaffen als wirksamste Form der Gewinnmaximierung erkannt haben. War in der Sowjetunion der Staat selbst zum Mörder geworden, vermischen sich im postkommunistischen Rußland politische und wirtschaftliche Motive.

Für die Wahlen zur russischen Duma 1999 und die Präsidentenwahlen im Jahr 2000 sind das furchterregende Voraussetzungen. Bleiben die Mörder von Galina Starowojtowa - wie üblich - unerkannt und ungestraft, ist die Versuchung groß, so auch landesweit Wahl-"Kampf" zu betreiben. Wenn der politische Gegner nicht mit Flugblättern, sondern mit Feuerwaffen operiert, wer wird sich dann noch laut und ungeschützt äußern wie Galina Starowojtowa? Was auf dem Spiel steht, hat sie wenige Tage vor ihrem Tod selbst gesagt: "Jede Revolution frißt ihre Kinder. Wir Demokraten müssen nun die Errungenschaften unserer Revolution retten: die Freiheit der Wahl, die Freiheit der Presse, die Freiheit der Meinungsäußerung."