„Die Sprache des Dritten Reiches scheint in manchen charakteristischen Ausdrücken überleben zu sollen; sie haben sich so tief eingefressen, daß sie ein dauernder Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen.“

Ein deutscher Bundestagspräsident verfehlt die rechten Worte bei einer Rede, die der Opfer des Massenmordes an den Juden gedenken soll. Nur die Worte? Ein Bundeskanzler gebraucht einen Ausdruck, der den Niedergang der deutschen Parteienkultur vor 1933 heraufbeschwört und während der Nazizeit negativ besetzt blieb: „Volksverhetzung“. Ein bayerischer Innenminister erfindet sogar ein Wort in tiefbraunem Geist: „durchraßt“. Und dann schreibt in der linken tageszeitung ein 37jähriger Autor, eine Disco sei „gaskammervoll“, und Anselm Kiefers Bilder – „Kellerbunkermuff mit KZ-Schornsteinruߓ – hätten in Amerika „bei jüdischen Kennern und Sammlern … den furiosesten Kauftrieb“ erregt.

Was ist das? Eine zufällige Serie von sprachlichen Entgleisungen im Rahmen des Üblichen – aus dem Unterbewußtsein hochschwappende Reste nationalsozialistischer Bilder und irgendwann, irgendwie inhalierter Denkmuster?

Daß Politiker über die Sprachtrümmer der Vergangenheit stolpern, gehört hierzulande schon fast zur Tagesordnung: ein Jenninger aus Unbeholfenheit, die Alt-Nazis aus Überzeugung, die Inhaber höherer Ränge aus Kalkül. Aber wie kommt es, daß in einem Blatt der Linken, das traditionell den Antifaschismus adoptiert hat, solche Begriffe und Gedanken auftauchen? Zynismus? Provokation? Oder ist da ein neuer Antisemitismus am Werk?

Anders als die Politiker, die sich mit Leerformeln davonstehlen und unter massivem Druck sofort und umstandslos „bereit“ sind, „diesen Begriff zu streichen“ (Kohl), oder sogar „gerne bereit, auf diesen Begriff zu verzichten“ (Stoiber), machte es sich die taz alles andere als leicht: Seit drei Wochen führt die Redaktion, auf mittlerweile zehn „Debattenseiten“, eine heftige Auseinandersetzung um Sprache, ihren öffentlichen Gebrauch, um Bewußtsein – stellvertretend für jene, deren Selbstkritik so beklagenswert unterentwikkelt ist.

Der Vorgang: In der taz vom 17. Oktober erscheinen zwei Artikel des freien Mitarbeiters Thomas Kapielski; die zuständigen Redakteurinnen hatten die Texte ohne Bedenken ins Blatt gehoben. Erst zwei Wochen später, durch Leserbriefe aufmerksam gemacht, reagiert die Gesamtredaktion. Eine Vollversammlung wird einberufen. Der Autor ist nicht anwesend, die Redakteurinnen rechtfertigen sich ungeschickt bis trotzig, für eine Entschuldigung sehen sie keinen Anlaß. Im Gegenteil: Von ihren Kollegen bedrängt, treibt eine der beiden die Ungeheuerlichkeit noch weiter: „Gaskammervoll ist kein Naziwort, die haben das ganz anders genannt. Wir lachen doch auch mal heimlich über Judenwitze, wenn keiner dabei ist“. Mit 16 zu 11 Stimmen wird am Ende beschlossen, auf dem nächsten nationalen Plenum aller taz -Mitarbeiter am 3. Dezember einen Antrag auf Kündigung der beiden Kolleginnen zu stellen.

Nach der turbulenten Sitzung wendet sich Klaus Hartung, einer der letzten 68er in der taz , gegen einen „Freiheitsbegriff, dessen Quelle das Ressentiment ist. Bürgerlich ist demnach alles, was Haltung, Sorgfalt, Achtung betrifft. Tabuisierung des Anti-Faschismus, Fetischisierung der Provokation“, und er schließt: „Wir stecken alle noch im Faschismus … Wir sind nicht frei.“

Der Mitarbeiter, dessen Äußerungen all den Furor hervorgerufen haben, Thomas Kapielski, nennt sich „Klein-Künstler“, betätigt sich als Musiker, Autor, Maler, hat zwei Schallplatten und drei Hefte mit Zeichnungen und Kurztexten herausgegeben. Auf seinem Schreibtisch liegt die LTI, Lingua Tertii Imperii von Victor Klemperer. Dieses „Notizbuch eines Philologen“, das der 1960 verstorbene jüdische Literaturwissenschaftler während langer Jahre der Zwangsarbeit aufgezeichnet hatte, ist heute in der vierten Auflage (1987) fast schon wieder vergriffen.

Kapielski ist überrascht über den Wirbel, den seine Formulierungen ausgelöst haben, und er hat die LTI zu Rate gezogen, um endlich seine Erklärung zu formulieren. Wortreich beschreibt er die Situation in der Disco, die in ihm „Paranoia“ ausgelöst und das Wort „gaskammervoll“ eingegeben habe, und fragt, warum sich niemand aufgeregt habe, als Rolf-Dieter Brinkmann in seinem Text „Erkundung“ dieses Wortbild benutzte. In einer Zeit, in der so viele „linke Selbstverständlichkeiten zerfallen“, will er auch keine „Eindeutigkeit der Sprache“ akzeptieren, die über die „Regulierung und Tabuisierung von Wörtern abläuft“. Dagegen Klaus Hartung: Er versteht, wenn in der Kulturredaktion der Eindruck herrscht, daß es in der Zeitung einen Moralkodex gebe, der die „Stimme des Konterkarierens, des Aufbegehrens, des Dissens abwürgt“. Nur, glaubt er, konzentriere sich diese Angst jetzt auf Inhalte, bei denen tatsächlich Moralfragen eine Rolle spielen.

Wiglaf Droste und Mathias Bröckers bilden so etwas wie eine Mittelfraktion in dem Streit. Droste, Sprachlibertin der taz , wehrt sich gegen den sprachlichen Rigorismus der 68er-Fraktion und nennt es „die Endlösung der Dudenfrage“, wenn jede sprachliche Spontaneität, jeder grenzgängerischer Sprachwitz verboten wäre. Drostes Formulierung, von seinem Kollegen Bröckers emphatisch verteidigt, zeigt den Sprachkünstler auf hohem Seil – und die Unverantwortung in Potenz.

Arno Widmann, Gründungsmitglied der taz und „Kulturchef“, zieht deutlich die Grenze: Für ihn sind Drostes und Kapielskis Äußerungen kein Sprachwitz, sondern laufen auf „eine Strategie der Entlastung“ hinaus – Anzeichen für einen neuen Antisemitismus?

Diesen Vorwurf weisen die Sprachprovokateure weit von sich. „Wenn man“, tönt Kapielski, „sein Leben lang den Kopf für den Vietcong hingehalten hat und plötzlich als Faschist angesehen wird, dann ist das hart.“ Eine Redakteurin ist in der DDR aufgewachsen und kommt aus einem antifaschistischen Elternhaus, die andere distanziert sich entschieden von ihren Eltern, die sie als typische Mitläufer zeichnet.

Haben also diese Sprachstörungen mit Antisemitismus nichts zu tun? Auch die Provokation um jeden Preis lehnen sie ab. Tabubrecherei? „Man muß die Grenzen weich halten“, sagt Sabine Vogel. Sie will sprachliche Experimente zulassen und verweist auf aktuelle Tendenzen in der Kunst. Ein Mißverständnis? Und nicht doch Provokation?

Mathias Bröckers formuliert anders. Er plädiert für den „Unartenschutz“ in einer Zeitung, die den Artenschutz auf ihre Fahnen geschrieben hat, und er polemisiert gegen den „keimfreien deutschen Antifaschismus“ der 68er, in deren Vorstellungswelt Auschwitz „kein Auslöser für Assoziationen, keine Ursache für Umwertungen“ sein darf, „es soll, in die Watte international abgesegneter Sprach- und Begriffsregelungen verpackt, als einmalige Entgleisung und singuläre Ungeheuerlichkeit endgelagert werden. Pietätvoll entsorgt im ‚Sprachkonsens der Demokraten‘, den zu verlassen mit sofortigem Absägen geahndet wird.“

Auf Semantik also läßt sich die taz -Kontroverse nicht beschränken. Wochenlang geht es auf diese schonungslose Weise nun schon hin und her, bei nicht wenigen taz lern hat die Heftigkeit der Auseinandersetzung Spuren hinterlassen. Wie auch die vielen, bitteren Kontroversen in der zehnjährigen Geschichte des alternativen Blattes, die – oft genug quälend für die Redaktion, doch erhellend für die Leser, die sich mit Briefen ausdauernd daran beteiligen – meist sehr bald ins Zentrum zielen: auf das publizistische Selbstverständnis des Blattes, auf die Bestimmung des politischen Standorts und letztlich auf die Frage, ob die taz Projekt oder Zeitung sein will, anerkannt auch in der Arena der offiziellen Politik? Bei den meisten Debatten sind die Fronten klar gezogen: Sie verlaufen, im Grünen-Jargon, zwischen Fundis und Realos oder, im taz -Sprachgebrauch, zwischen Linksradikalen und „staatstragenden 68ern“ (Droste).

In den inner circles von Politik und Publizistik ist die taz noch nicht so richtig salonfähig, man findet sie nicht auf dem Zeitungsverteiler der Luftverkehrsgesellschaften. Aber wirkungslos ist sie nicht: Den Kollegen in anderen Redaktionen gilt sie längst als unverzichtbar, dort wird sie aufmerksam gelesen (und ausgeschlachtet). Das liegt, zum einen an der Wahl der Themen, zum anderen – ja, gewiß – an der frechen, zugespitzten Art ihrer Behandlung. Doch die Voraussetzung für den Schritt über diesen Insider-Status hinaus wäre nicht nur der Abschied vom Charakter eines Flugblattes aus der Szene für die Szene, sondern man muß auch die Bemäntelung von Schlamperei als Radikalismus und das Tortenschmeißen um jeden Preis aufgeben.

Auch um diese Fragen wird es voraussichtlich auf dem Plenum am 3. Dezember gehen. Wieder einmal wird man sich die Frage stellen: Was ist die taz , was will sie werden?