Die Bundeshauptstadt Bonn, man glaubt es kaum, ist die Stadt der Bilder. Wo sonst wird auf so engem Raum so viel Material verknipst? Die Bilder aus dem Regierungsviertel zeigen Menschen, meist Politiker, mal alleine, mal in Begleitung ihresgleichen. Jeden Tag entstehen Tausende von Dokumenten. Können solche Bilder lügen?

Nein. Ja. Nach einem Gang durch das Haus der Geschichte ist man bereit, an allem zu zweifeln. Das Museum im Herzen des Regierungsviertels zeigt seit dieser Woche "Bilder, die lügen", Dokumente, "die einer Behauptung als ,objektiver' Beleg dienen" - und dabei täuschen. Manche Exponate lügen harmlos, manche böswillig, andere aus Versehen, wieder andere sogar in guter Absicht. Wo beginnt sie, die Lüge?

Klare Fälle von Manipulation - aber was unterscheidet sie vom digitalen Alltag moderner Fernsehstudios und Fotolabors? Längst kann der Computer Personen und Gegenstände in beliebige Kulissen hineinmontieren, und in den seltensten Fällen wird der Betrachter darüber ins Bild gesetzt. Im Haus der Geschichte darf der Besucher in die berühmte "Blue box" eintreten, ein Fernsehstudio mit blauem Hintergrund. Zeitgleich sieht er sich auf dem Monitor vor der eingeblendeten Kulisse eines Nachtstudios. Ebensogut könnten Fernsehjournalisten in eingespielte Kriegsszenen projiziert werden und Unmittelbarkeit suggerieren, wo keine ist.

In ihrer nur scheinbar geordneten Zusammenstellung (von "A wie Aktuelles" bis "Z wie Zukunft") hinterläßt die Sammlung bohrende Fragen: Wo liegt die Grenze zwischen Manipulation und Authentizität? Ab wann ist ein Bild eine Fälschung - und ab wann muß uns das empören?

Die Ahnenreihe der Bilderfälscher ist lang und voller häßlicher Namen. Vor allem die Diktatoren der ersten Jahrhunderthälfte pflegten die Kunst der fotografischen Manipulation. Das vielleicht berühmteste, sicherlich abstoßendste Beispiel stammt aus der Sowjetunion. Stalin ließ den unliebsam gewordenen Trotzkij aus den historischen Revolutionsbildern herausoperieren - Jahre bevor er den früheren Kampfgefährten auch aus dem Leben befördern ließ. Hitler und Mussolini setzten stärker auf die stilisierende, suggestive Fotografie, Dokumente mit einer beinahe gewöhnlich anmutenden Täuschungsabsicht.

Verstörende Perspektiven: Manchmal, muß der Besucher feststellen, gibt erst die Fälschung der Wahrheit ein Gesicht. So geht es einem mit dem berühmten Foto des Rotarmisten, der im Mai 1945 die sowjetische Flagge auf dem zerstörten Reichstag hißte. Berlin hatte bereits kapituliert, die rote Fahne flatterte längst im Wind, als Jewgenij Chaldej, der Fotograf der Nachrichtenagentur Tass, die Szene nachstellte. Am Ende mußte er das inszenierte Foto ein weiteres Mal verändern, bevor es die sowjetischen Behörden freigaben: Einer der Soldaten trug auf dem Ursprungsfoto zwei Armbanduhren - Spuren der Plünderung aber durften nicht dokumentiert sein.

Die mediale Inszenierung des Golfkriegs, die Hitler-Tagebücher des sterns, Montagen zum Zwecke der Werbung oder der satirischen Unterhaltung - das Haus der Geschichte präsentiert ein Panoptikum trügerischer Evidenzen, nüchtern, faktenreich, ohne pädagogische Pose.