Bislang sind solche Untersuchungen reine Grundlagenforschung. Praktische Anwendungen liegen noch in weiter Ferne. "Aber wenn wir geistige Krankheiten irgendwann heilen wollen, müssen wir zunächst verstehen, wie das Gehirn funktioniert", sagt Kreiter und zieht eine Parallele zur Herzforschung. "Mein Vater hat als Assistent in den sechziger Jahren noch erlebt, daß man Patienten überhaupt nicht helfen konnte. Dann gab es eine wahre Anwendungsexplosion sowohl in der Arzneimittelforschung als auch auf dem operativen Sektor. Damals hatte die Grundlagenforschung das Herz so vollständig erforscht, daß sich medizinische Anwendungen fast zwangsläufig ergaben. Das gilt für alle Organe: Erst wenn man sie ziemlich vollständig verstanden hat, darf man eingreifen - das ist nicht wie bei einem Automotor, den sie vielleicht auch mit Halbwissen reparieren können."

Ob seine Versuche irgendwann einmal etwas zu einer Therapie beitrügen, könne heute niemand sagen, gesteht der Hirnforscher. "Aber es ist sehr schwierig nachzuweisen, daß ein Experiment der Grundlagenforschung wirklich nutzlos gewesen ist. Selbst das mißlungene Experiment generiert neues Wissen. Wenn ich dagegen in der angewandten Forschung für ein neues Schmerzmittel 1000 Ratten durch eine Testreihe jage und dann feststelle, das Mittel wirkt doch nicht, dann ist der Erkenntnisgewinn minimal."

Rechtfertigt diese Haltung für den Hirnforscher jegliches Experiment? "Natürlich dürfen wir keine sinnlosen Versuche machen - und wir müssen mit den Tieren so behutsam wie möglich umgehen. Aber wer einmal in unserem Labor war, weiß, daß die Tiere hier in keiner Weise gequält werden."

Dennoch akzeptiere er es, meint Kreiter, wenn jemand aus ethischen Erwägungen zu dem Schluß komme, solche Versuche abzulehnen. "Ich würde dann nur verlangen, daß er konsequent ist und auf medizinische Behandlungsmethoden verzichtet, die Tierversuche voraussetzen." Außerdem müsse man sich an gewisse Grundregeln der Ethik halten: "Man kann eine Ethik der Rücksichtnahme anderen nicht rücksichtslos aufzwingen."