Hans Namuth war der Fotograf, der Jackson Pollock bekannt machte. Jackson Pollock war der Künstler, der Hans Namuth berühmt machte. Hans Namuth wurde 1915 in Essen geboren. Sein Vater, Mitglied der SA, besorgte dem zwischen Politik und Theater agierenden Sohn, der nach der Verteilung von Anti-Hitler-Flugblättern im Gefängnis saß, einen Paß und ein Ticket, das ihn 1933 nach Paris brachte. Über Spanien und Guatemala kam er nach New York und lernte Fotografie an der New School of Social Research, dem Hort der Intellektuellen unter den europäischen Emigranten.

Jackson Pollock wurde 1912 in Cody, Wyoming geboren. Er hatte vier Brüder, der Vater war ein Trinker. Die Mutter zog mit den Kindern nach Kalifornien, der Vater kam nach, man wechselte oft den Ort. Jackson schrieb sich in Los Angeles an der Manual Arts High School ein, landete, er war jetzt 16 Jahre alt, bei einem Lehrer, der Frederic John de St. Vrain Schwanowsky hieß, oder sich so nannte, und ihn nicht nur in die Kunst der Abstraktion, sondern auch in die Lehren von Karl Marx, Krishnamurti und Rudolf Steiner einführte. Zweimal wird er aus der Schule hinausgeworfen, mit seinem Vater hat er eine finale Schlägerei, 1930 geht er mit seinem Bruder Charles nach New York. Er besucht die Klasse von Thomas Hart Benton, einem Maler, der die Wände der New School zwar mit kompakten Großstadtszenen dekorierte, sich aber bewußt Regionalist nannte und auf großen Leinwänden eine antimodernistische, heile amerikanische Welt zeigt, wogende Landschaften mit ebensolchen Kornfeldern und Menschen, die mit ihrer Arbeit den Rhythmus der Natur aufnehmen.

Im Sommer 1950 fragt Namuth Jackson Pollock, der inzwischen die Unterstützung der großen Künstler-Freundin Peggy Guggenheim gefunden und einige Ausstellungen mit guter Resonanz hinter sich hat, ob er ihn bei der Arbeit fotografieren dürfe. Pollock, den seine Frau, die Künstlerin Lee Krasner, zum Umzug von Manhattan mit seinen Bars ins Grün von Long Island überredet hatte, stimmt zu. Rund 200 Fotos macht Namuth im Juli und August, sie zeigen Pollock bei der Arbeit an One: Number 31 und Autumn Rhythm, Number 30. Namuth macht außerdem Aufnahmen im Studio und im Garten, er möchte auch einen Farbfilm machen und animiert Pollock, dafür die Arbeit nach draußen zu verlegen. Inzwischen ist es November, am Tag von Thanksgiving werden die letzten Aufnahmen gemacht, es ist kalt geworden, Pollock ist erschöpft, fühlt sich vielleicht auch unwohl nach diesem Akt der Selbstdarbietung. Zwei Jahre hatte er keinen Alkohol angerührt, jetzt kippt er den Whisky herunter und schmeißt den Tisch um, an dem die Freunde zum Abendessen Platz genommen haben.

Von dem Fotografen Hans Namuth gibt es bestimmt noch viele Fotos, aber nur die, die er von Pollock machte, haben den kleingedruckten Namen groß gemacht. Jackson Pollock hat nach dem Sommer 1950 in den sechs Jahren bis zu seinem Tod nur noch relativ wenige Bilder gemalt, aber durch die Fotos von Namuth, die den Künstler in und neben und über der Leinwand zeigen, wurde der von Harold Rosenberg für Pollocks Arbeit geprägte Begriff des Actionpainting im Fotodokument sichtbar, auch für die Nachwelt. Eine Mediengeschichte avant la lettre. Und eine singuläre dazu, denn mit dem Action-painting beginnt eine neue Epoche, vielleicht eine neue Geschichte der Malerei. In einer umfassenden Pollock-Retrospektive, die das New Yorker Museum of Modern Art jetzt zeigt, ist dieser Anfang zu besichtigen, und es ist ein sehr amerikanischer Anfang.

Die frühen Bilder von Pollock sind voll dumpfer, dunkler, pubertierender Expressivität, ham-handed nennt man das im Amerikanischen, schinkenhändig. Kein Genius, nirgends. Auch nicht, als Pollock, der ein schlechter Zeichner war, in der Klasse von Thomas Hart Benton mit seinem Skizzenblock bei Signorelli, El Greco und Tintoretto in die Schule gehen mußte und für seine Neigung zum Pathetischen bei Benton selber und den mexikanischen Muralisten, besonders Orozco und Siqueiros, die große Geste und plakative Form lernen konnte. Von John Graham, Maler, Emigrant und Obskurant aus Europa, lernte Pollock etwas über die Wahlverwandtschaft von moderner und primitiver Kunst. Die Botschaft der Surrealisten, die inzwischen auch in New York Zuflucht gesucht hatten, widerspiegelt sich in den Zeichnungen der späten dreißiger Jahre, eine Miró-Ausstellung im Museum of Modern Art hat ihre Folgen. Und bald schon ist Pollock auch bei seinem Übervater, Picasso, den er ebenso verleugnete wie jede andere Abstammung auch. Was weniger mit künstlerischer Rivalität zu tun hatte, sondern sich eher aus Pollocks Bedürfnis erklärt, in seiner Kunst sich selbst zu finden und niemanden sonst.

Kirk Varnedoe, der die Retrospektive zusammengestellt und einen gleichermaßen ausführlichen wie differenzierten Katalogessay geschrieben hat, nennt Stenographic Figure von 1942 das Bild, welches Pollock, der sich im Selbstporträt von 1935 als eine der Welt verlorengegangene Seele im dunkelbraunen Nichts zeigt, zum Künstler machte, der nicht mehr reagiert, sondern agiert. Das Bild, in dem man das Sujet der Großen Liegenden als Burleske wiedererkennen kann, ist offen in der Form, hell in den Farben, die Flächen sind aufgelockert durch farbige Kürzel und Linien, die, wie Varnedoe sagt, erstmals entbunden sind von der Aufgabe, etwas zusammenzuhalten. Der Auftrag von Peggy Guggenheim, 1946, ein großes Wandbild für die Eingangshalle ihrer Wohnung zu malen, macht die neue, entkrampfte Attitüde noch deutlicher und fordert von Pollock zudem einen Einsatz der körperlichen Kräfte, der eine neue Erfahrung war. Die knapp zweiundeinhalb Meter hohe und gut sechs Meter breite Leinwand umrundete er wochenlang. Wie ein Tier die etwas allzu große potentielle Beute. Dann, Mrs. Guggenheim drängte wegen der housewarming-Party, schlug er zu, bemalte die ganze Fläche in 24 Stunden. Das Bild, Mural, ein großes, locker gefügtes Netzwerk von offenen Formen und kräftigen, in vertikalem Schwung verlaufenden Linien, welche die große Horizontale des Formats aufbrechen, ist der reinste Expressionismus, bereit zur leidenschaftlichen Selbstaufgabe in der Abstraktion.

Im Jahr 1946 hatte Pollock dann seine erste Einzelausstellung in Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century, und Clement Greenberg, der neben Harold Rosenberg andere regierende Herrscher im amerikanischen Kritikergeschäft und früh auf Pollocks Seite, erinnerte sich später, daß Pollock damals schon "eine Klasse für sich" war. Was nicht heißt, daß ein Königsweg gefunden war. Denn Pollock war kein Königskind, sondern ein loner, ein sehr amerikanischer heroischer Einsamkeitsdarsteller. Und Bilder wie Croaking Movement oder Eyes in the Heat, beide von 1946, bieten sich noch dar als flacher Brei zermatschter Farben, die ein Pinsel durchpflügt hat. Erst als Pollock 1947 beschließt, die Leinwand auf den Fußboden zu legen, ändert sich mit der Zielrichtung der malerischen Aktion auch das Ergebnis.