Kaum vorzustellen, daß ein solcher öffentlicher Diskurs hierzulande möglich wäre: Ein populärer Kardinal und ein berühmter Schriftsteller disputieren in einer Zeitschrift mit dem Titel Liberal (ausgerechnet: liberal) über die Frage: Woran glaubt, wer nicht glaubt? - also Berührungspunkte zwischen Atheisten (oder doch Agnostikern) und Christen. Vielleicht, wahrscheinlich sogar, fände man, wenn schon keinen Kardinal, so doch gewiß einen Bischof (Namen werden nicht genannt, um niemanden zurückzusetzen), der Carlo Maria Martini, dem Erzbischof von Mailand, an die Seite zu stellen wäre. Aber welchen zeitgenössischen Schriftsteller hätten wir für einen solchen Diskurs aufzubieten, der so spielerisch wie Umberto Eco über eine profunde Kenntnis der Wege und Abwege in der Kirchen- und Dogmengeschichte des Mittelalters, außerdem des Repertoires scholastischer Argumentation verfügt? Wobei übrigens Eco sich selber ausdrücklich (lediglich) als Agnostiker identifiziert; denn der Atheist sei eine Figur, die sich ihm psychologisch entziehe, "denn ich kann gut kantianisch nicht verstehen, wie man nicht an Gott glauben und der Meinung sein kann, daß seine Existenz nicht zu beweisen ist, um dann fest an die Inexistenz Gottes zu glauben in der Meinung, sie sei beweisbar."

Im Quartalsabstand tauschen die beiden Autoren je vier Briefe öffentlich aus. Umberto Eco hat dreimal den ersten Zug - zu einer Frage, die er bildungsprunkend und plaudernd präludiert, um sie schließlich höflich-listig ins Ziel zu führen. Der Dialog beginnt auf einem Niveau, das es dem Antwortenden von vornherein erspart, sozusagen einem Klippschüler kirchlichen Nachhilfeunterricht zu erteilen - und der antwortende Kardinal ist als Jesuit mit allen weltlich-intellektuellen Wassern gewaschen, ohne dies ebenso stolz vorführen zu müssen. Wenn man so will, beginnt der Dialog also gerade so, wie man sich dies cis-alpin von einem Diskurs zwischen zwei ebenso gebildeten wie forensisch geübten italienischen Kontrahenten vorstellt, die einander längst in die Karten sehen können: wie ein Gespräch zwischen Bischof Camillo und Professor Peppone.

Die Idee der Apokalypse plagt heute eher Atheisten

Das erste Spiel: Umberto Eco vergleicht die ursprüngliche Apokalypse mit dem gegenwärtigen Endzeitgefühl am Ende des zweiten Jahrtausends und kommt zu einem doppelten Ergebnis. Der heutige Millenarismus sei dramatischer als der vor zwanzig Jahrhunderten: nukleare Lager, Ozonloch, Klimaveränderung, Genmanipulation ... Und: "Ich wage nun die Behauptung, daß der Gedanke an ein Ende der Zeiten heute typischer für die Welt der Nichtgläubigen als für die der Christen ist." Die Verzweiflung rühre von der Annahme her, das Ende der Zeiten sei unvermeidlich, die Hoffnung habe abgedankt. So stellt er die Frage: "Gibt es einen Begriff von Hoffnung (und von unserer Verantwortung für das Morgen), der Gläubigen und Nichtgläubigen gemeinsam sein könnte? Wenn nicht, so könne man auch denken: Zum Teufel mit denen, die nach uns kommen." Hoffnung, so Martini, liege für ihn nicht jenseits der Apokalypse, sondern im Hier und Heute; sie sei nicht nur "Projektion der Frustrationen der Gegenwart". Zugleich aber sei Geschichte als ein Weg zu sehen, der zu einem Ziel führt, welches dieser Geschichte nicht immanent ist, sondern außerhalb liegt.

Das zweite Spiel: Die Frage nach dem Beginn des Lebens - und nach der Problematik des Schwangerschaftsabbruchs. Eco fragt, wann - für den Gläubigen wie für den Nichtgläubigen - das Leben so beginnt, daß man in diesen Prozeß nicht mehr eingreifen darf. Martini hält sich zunächst von jedem bloßen Biologismus fern und von jeder pauschalen Verallgemeinerung des Lebensbegriffes. Er formuliert sogar: "Man denkt zuweilen - und es wird auch geschrieben -, daß das menschliche Leben für die Katholiken der höchste Wert sei." Sich so auszudrücken ist zumindest ungenau. Theologisch und neutestamentlich seien die Begriffe bios und psyche von dem "göttlichen Leben, das Gott dem Menschen mitteilt", also vom Begriff zoe zu unterscheiden. Orientierungspunkt müsse die Gottesebenbildlichkeit sein, eine hinreichende Konkretisierung sei mit dem Augenblick der Empfängnis gegeben, in dem ein definierter Entwicklungsprozeß in Gang gesetzt werde.

Das dritte Spiel - es fällt so stark nicht aus: Eco fragt, warum nach katholischer Lehre Frauen nicht Priester werden dürfen, obwohl es dafür weder biblisch noch in der Dogmatik wirklich überzeugende Gründe gibt. - Martini konzediert den Anachronismus traditioneller Begründungen und zieht sich auf das "Geheimnis" der ursprünglichen Historizität zurück: zwölf Apostel - und keine Frau darunter.

Bis dahin eine Konversation, die noch über viele Themen hinweg weiter fortgesetzt werden könnte: Eco fragt, Martini antwortet. Doch nun ändert sich das Gefälle, so will es die redaktionelle Dramaturgie.