Pulsnitz

Etwas Weihnachtliches soll es sein aus dem Osten. Also einmal nichts über rechte Jugendliche, Aufbau Ost oder Kurioses aus Nachwendeland. Was aber ist weihnachtlich am Osten? Und was könnte den Wessi interessieren, der ja noch immer über 90 Prozent der ZEIT-Leserschaft ausmacht? Dresdner Stollen? Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge? Das gehört ja schon zum Weltkulturerbe und ist gar nicht mehr so besonders östlich. Aber Pulsnitz kenne garantiert niemand im Westen, sagte eine hilfsbereite Dresdner Bekannte und riet uns, doch mal hinzufahren. Es sei ja nicht weit. Und ein paar Tüten gefüllte Schoko-Spitzen sollten wir mitbringen, denn die echten gebe es nur dort.

Also auf nach Pulsnitz. Von Dresden braucht man auf der Autobahn Richtung Bautzen eine halbe Stunde. Abfahren muß man in Leppersdorf, wo die ziemlich unweihnachtliche Großmolkerei eines Allgäuer Unternehmers vor sich hin dampft wie eine Ölraffinerie. Die Hügel der Westlausitz nennen sich hier Pulsnitzer Alpen, was Assoziationen an verschneite Almhütten weckt. Schneezäune bauen sie auch schon auf, gegen den Wind, der in der Lausitz oft eisig aus dem Osten weht. Nicht von ungefähr gilt dieser fernöstliche Zipfel Deutschlands vielen als der letzte Ausläufer der sibirischen Taiga.

Pulsnitz heißt seine Besucher als "Pfefferkuchenstadt" willkommen. Es liegt am Ufer des gleichnamigen Flüßchens, das einmal die Grenze zwischen dem Kurfürstentum Sachsen und dem Königreich Böhmen war. Einer Broschüre haben wir entnommen, daß Pulsnitz 6800 Einwohner hat, ein frisch renoviertes Kirchlein und einen adretten Marktplatz, außerdem zwei Reha-Kliniken, acht "Pfefferküchlereien" und eine Lebkuchenfabrik. Unsere Bekannte klärte uns darüber auf, daß Pulsnitz in der DDR das war, was Nürnberg den Bundesbürgern ist: Urheimat des Lebkuchens, des Weihnachtsgebäcks schlechthin. Und oft unerfüllte Verheißung, denn auch Pulsnitzer waren Mangelware.

Auf den Straßen schlägt einem Braunkohlenmief entgegen. In Großstädten wie Dresden ist die Luft schon besser geworden, aber hier auf dem Land schmeckt man es noch - das schwere, aber auch irgendwie heimelige Aroma der Armut. Hinter St. Nikolai, der gelbgetünchten Stadtkirche, changiert der Kohlenmief ins Süßliche. Wir stehen vor der Pfefferküchlerei E. C. Groschky, gegründet 1825. Auf der unscheinbaren Tür steht "Kontor und Versand" und die freundliche Aufforderung: "Bitte herein ohne anzuklopfen!". Drinnen ist der Lebkuchengeruch betörend intensiv. Auf einfachen Tischen stapeln sich hausgemachte Süßigkeiten: Schoko-Spitzen, runde oder längliche Lebkuchen, mal mit Schokoladenüberzug, mal mit weißer Zuckerglasur, des weiteren Erdbeerschnitten, Makronen, Lebkuchenherzen und Pantoffeln aus glänzendem braunem Teig sowie hübsche Pappschachteln mit Rietschelkuchen, der Premiummarke des Hauses. Das Ensemble wird bestrahlt von einer Neonlampe aus Vorwendezeiten; die vielbeschäftigte Elektronikkasse ist eine Neuanschaffung. Vollbepackt verlassen zufriedene Kunden den engen Verkaufsraum.

Im Heimatmuseum um die Ecke klärt sich das Geheimnis der Rietschelkuchen. Ernst Rietschel, Bildhauer und Schöpfer des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar, ist der größte Sohn der kleinen Stadt und wird in einer Ecke des Museums recht ausgiebig gewürdigt. In einer anderen Ecke geht es ums Handwerk der Pfefferküchler. 1558, so ist zu erfahren, wurde die Pfefferkuchenbäckerei in einem Privileg der Grundherren zu Pulsnitz erstmals urkundlich erwähnt: "... und soll ein Jeder meister so Viel Rockens (Brot) packen, als die gemeine Notdurfft erfordert, Deßglichen Pfefferkuchen ..." Pfeffer war das Synonym für fremdländische Gewürze aller Art und die Pfefferkuchenherstellung noch in den Backstuben der Brotbäcker zu finden. Im 19. Jahrhundert löste sich das Gewerbe von den Bäckern und gewann jene Eigenständigkeit, um die die Pulsnitzer Pfefferküchler nach der Wende erbittert gerungen haben, wovon später die Rede sein soll. Neben alten Dokumenten und Gerätschaften finden sich im Museum noch einige Lebkuchenschachteln aus Honeckers Zeiten, bläßliche Packungen des VEB-Dauerbackwaren Dresden, die in den teuren delikat-Läden zu haben waren, wo die DDR-Ökonomen überschüssige Kaufkraft abschöpften. Wie mag wohl der Herr Staatsratsvorsitzende das Fest begangen haben, daheim in Wandlitz?

Schwierige Suche nach der Corporate Identity