Also. Ein neuer Gedichtband von Reiner Kunze. Irgendwie überraschend, wie alles, worauf man nicht richtig gewartet hat. Ebenso irgendwie aber auch nicht, denn es ist ja schon eine Weile her seit dem letzten, und Reiner Kunze hat natürlich weitergeschrieben seither, und das lesen wir eben jetzt. Seither ist aber auch Zeit vergangen, seit seinem vorletzten und vorvorletzten erst recht, und im Fernsehen laufen ganz andere Filme und auf den Straßen der Städte ebenso.

Auch unsere Vorstellungen vom Gedicht haben sich irgendwie verändert, davon, was es soll, kann und muß (dürfen darf es ja bekanntlich alles). Und natürlich werden sich auch die Gedichte von Reiner Kunze irgendwie ein bißchen verändert haben, aber wie? Nur irgendwie?

"Irgendwie", das wissen wir, ist ja noch vor "sozusagen" das meistgebrauchte Wort in allem Gerede über Kunstsachen. "Irgendwie" ist sozusagen der deutsche Meister im Wischiwaschi. Also noch einmal.

Machte man derzeit eine Abstimmung darüber, wer als der bedeutendste Lyriker der neunziger Jahre angesehen wird, so bekäme man eine einhellige Antwort, jedenfalls von all denen, die Lyrik nicht direkt studiert haben (aber auch unter den Kennern gibt es mittlerweile kaum einen, der Robert Gernhardt nicht gern hat). Vor einem Vierteljahrhundert sah es eine Weile so aus, als würden dieselben Reiner Kunze nennen. Aber dann merkten sie doch rechtzeitig, daß Die wunderbaren Jahre ja gar keine Lyrik waren, und der Weg war frei für Erich Fried.

Dabei hat auch Kunze damals Gedichte mit aufrechter politischer Haltung geschrieben und mußte das teuer erkaufen, teurer als Fried. Aber dann ging er nach Westen, und später fiel der Osten, und wenn Kunze jetzt schlaflos ist, dann ist das doch eher das Alter. Gleich das erste Gedicht im neuen Band spricht davon ("immer öfter liegen wir wach"), aber das Beruhigende scheint doch, daß da, wo unsereiner sich einfach wälzt, andere eben Gedichte machen. Und das nicht dort, wo wir herumgrabbeln würden, sondern: "Abseits der wörter / von den wühltischen der sprache". Ungestört bleibt freilich auch er nicht, aber zum Glück hört man dort, wo Kunze schläft oder eben nicht schläft, nachts keine Autobahn, nicht einmal einzelne Mopedfahrer, sondern? Sondern die Glocke, die aus dem Österreichischen jenseits der Donau zu ihm herüberläutet, jedoch - sie "bucht ab von der zeit". Schlag um Schlag. Auch nicht schön.

Es ist schwer. Reiner Kunze ist, so habe ich ihn kennengelernt, ein sehr höflicher und sehr freundlicher Mann. Es fällt hier schwer, beides nicht zu sein. Aber noch schwerer fiele es, so zu tun, als würde man nicht beim Lesen dieser Gedichte zunehmend unruhig, unzufrieden, ungehalten.

Zum einen also stört das Gehobene, Feinsinnige im Umgang mit sich selbst. In dem Gedicht Nocturne in E spricht Kunze sich und der Seinen Mut zu und Furchtlosigkeit vor dem Ende und sagt dann : "Und bis dahin / reicht den kleinen finger uns / Chopin". Natürlich können die beiden hören, was sie wollen, aber dies ist ein Gedicht, und würde sein Ton es aushalten, wenn da statt Chopin etwa stünde: Mick Jagger? Oder Heino? Schwerlich.