Alban Nikolai Herbst erzählt von Hans Deters, der in Berlin-Mitte durch einen Zufall in den Besitz eines kleinen Päckchens kommt und in der U-Bahn von einer Frau angesprochen wird, die sich mit ihm im Café Silberstein in der Oranienburger Straße verabredet. Dort sitzt er für den Rest der fast 900 Seiten dieses Ro mans, wartet und betrinkt sich. Für Deters wird die Stadt zu einem Alptraum, zu einem Bildermonster, zu einem textuellen Ungeheuer. Alle Schreckensszenen, die uns von Penthesilea und de Sade bis Artaud, von Murnau bis David Lynch zur Verfügung stehen, bizarre, höhnische und groteske Travestien griechischer und nordischer Mythologie verwirbeln diese flüchtige Vorstellungswelt zu einer prächtigen, mitreißenden Zumutung.

Deters verwandelt alles in die "Anderswelt". Ihr Phantasma ist so stark, daß sie sich selbständig macht. Das Changieren der Figuren zwischen Realität und Anderswelt erlangt alsbald größte Selbstverständlichkeit - für den Leser. Wirklichkeit und "Anderswelt sind umeinander gefaltet". Für den Helden jedoch ist das eine Katastrophe. Denn für Deters wird ganz Mitteleuropa zur Megalopolis, gelenkt von einer Handvoll Finanzmagnaten, in deren Händen der Staat nur ein Instrument unter vielen ist. Ihnen bedeuten die Menschen nur mehr ein unwägbares Risiko für die große Simulationshygiene.

Dieses Utopie- und Apokalypse-Inventar klingt leidlich vertraut, enthält aber eine entscheidende, beunruhigende Drift: der Superkapitalist Ungefugger, der den Wahn einer alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringenden Hygiene-Diktatur verfolgt, macht unmißverständlich klar, was er unter einer Kunstwelt versteht: eine Welt ohne Kunst.

Alban Nikolai Herbst wirft seinen Protagonisten in einen Strudel von Geschichten und Mythen, "deren Einbruch in den Zentralpragmatismus für jede Reinheit vernichtend ist". Er nennt dieses Szenario "Buenos Aires", eine Überallstadt, die alle Dimensionen sprengt und - aufgeteilt in einen reichen Westen und einen darniederliegenden Osten - von einer riesigen Mauer umgeben ist. Beließe Herbst es bei diesem Plot, wäre alles nur operettenhafter Apokalypsekitsch. Doch setzt er sich über die üblichen Verdächtigungen hinweg und überdreht die Erzählschraube immer weit genug, um das Wahngebilde nicht von Anfang an zur geschlossenen Anstalt werden zu lassen.

In der an ehrgeizigen Erzählmodellen nicht eben armen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur fällt Alban Nikolai Herbst auf, weil er ironisch, intelligent und lustvoll erzählt. Im Genre der Apokalypseliteratur mimt Herbst den Verschwender, der nichts so schwer nimmt, daß er nicht auch darüber lachen könnte. In der Wahnwelt seines Helden Hans Deters finden wir uns seltsam gut zurecht. Der Roman funktioniert als Anspielungsrelais, als Schmöker und gelehrter Lustgewinn. Doch über das raffinierte Spiel ineinandergeschachtelter Fiktionsebenen hinaus entfaltet das Buch eine Tiefenwirkung. Sie macht unsere säuberliche Trennung von Wahn und Wissen porös.

* Alban Nikolai Herbst: Thetis. Anderswelt Fantastischer Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 1998; 896 S., 45,- DM