Der Friede zwischen Zettelkästen und Bücherregalen ist dahin. Die Universität Göttingen sorgt sich um ihr Ansehen und hat ein Lehrverbot über Wolfgang Boetticher, Professor für Musikwissenschaft, verhängt. Seine Nazivergangenheit hat ihn eingeholt, ein Buch und dessen Konsequenzen haben ihn gerichtet. Ein Holländer mußte es schreiben, denn die deutsche Musikwissenschaft pflegt nur ungern im eigenen Garten zu jäten.

Das Buch von Willem de Vries: Sonderstab Musik. Organisierte Plünderungen in Westeuropa 1940-45, (Dittrich-Verlag, Köln, 380 Seiten, 49 Mark) ist eine Sammlung von unabweisbarem Material. Es verlegt sich nur teilweise auf Personenfahndung, stellt vielmehr mit präzise ausgerichteten Scheinwerfern die Musikpolitik in Deutschland zwischen 1933 und 1945 ins Licht. Vor allem die Raubzüge des Amtes Rosenberg, benannt nach Alfred Rosenberg, dem NS-Ideologen und Minister im Hitler-Regime: Wo in den besetzten Gebieten wertvolle Instrumente und Musikalien vermutet wurden, noch dazu solche jüdischer Künstler, setzte sich der "Sonderstab Musik" in Marsch. Er prüfte, beschlagnahmte, sortierte, verpackte, beschriftete; in Kisten ging das kostbare Gut bald heim ins Reich. Es gab im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg viel zu tun zwischen Ortstermin und Büroarbeit. Und de Vries läßt keinen Zweifel daran, daß auch Wolfgang Boetticher höchst engagiert dabei war.

Der Fall Boetticher: eine typisch deutsche Wissenschaftlerkarriere, die im "Dritten Reich" erfolgreich begann und sich nach dem Krieg nahezu bruchlos fortsetzte. Boetticher wurde 1957 Professor in Göttingen, war dort vorübergehend sogar Dekan der Philosophischen Fakultät, betreute in mehreren Verlagen die Herausgabe von Kompositionen und Schriften Robert Schumanns - und lehrte auch nach seiner Pensionierung. Bis heute.

Die anderen Handlanger, Mittäter, Gehilfen, Experten aus der braunen Musikwissenschaft von damals sind inzwischen tot - alles Wissenschaftler, nach dem Krieg unverdächtig zu Amt und Würden gekommene Doktoren, Professoren, Ordinarien, Dekane, Doktorväter, die befürchten konnten, daß die Geschichte sie und ihre Karriere irgendwann einholen würde. Also richtet sich die öffentliche Reaktion auf die De-Vries-Enthüllungen an den Lebenden.

Boettichers Dienstbarkeit in der NS-Zeit besaß eine eigene Qualität, denn sie reagierte nicht bloß auf autoritäre Anweisung. Sein Geist machte sich selbständig und eilte den Erwartungen, die man in ihn setzte, schneidig voraus. Bald galt er als "instinktsicherer Nationalsozialist". Man rühmte seine "wertvolle Mitarbeit" am Lexikon der Juden in der Musik, das der schnellsten Ausmerzung aller irrtümlich verbliebenen "Reste aus unserem Kultur- und Geistesleben" dienen sollte.

Seine Qualifikation für höhere Aufgaben im Amt Musik (Leitung: Herbert Gerigk) des Berliner Reichsüberwachungsamtes der NSDAP unter Alfred Rosenberg hatte Boetticher schon früh unter Beweis stellen können. Von 1937 an schrieb der junge Musikologe, so de Vries, regelmäßig Rezensionen für die Nazizeitschrift Die Musik. 1939 entströmte ihm der "Glaube an eine sinnvolle Ordnung der Kunst nach den Gesetzen des Blutes, den Wurzeln unseres Seins".

Solche ideologische Festigkeit gedachten die Nazis sich bald zunutze zu machen. Als Hitler den Zweiten Weltkrieg über Europa hereinbrechen ließ, wurde Boetticher, frisch mit einer Arbeit über Robert Schumann promoviert (mit Sternchen für alle erwähnten Juden), nicht an die Front beordert, sondern für weitere private musikwissenschaftliche Forschungen, die seiner Habilitation dienten, in Berlin beschäftigt. Doch nicht lange, denn die Nazis benötigten ihre Fachleute in den besetzten Gebieten. Bis 1944 hielt sich Boetticher immer wieder in Paris und anderswo auf, wo er im Sonderstab Musik tatkräftig half, das "Feindvermögen lückenlos in deutschen Besitz zu überführen". Dazu zählten auch die wertvollen Instrumente des Cellisten Gregor Piatigorski und der Cembalistin Wanda Landowska. Boetticher protokolliert am 13. Januar 1941 ordnungsgemäß: "als herrenloses jüdisches Gut im Sinne des Führerbefehls sichergestellt".

Boettichers Leben und Wirken nahm damals, wie de Vries belegt, artistische Windungen. Mitten im Krieg entwickelte er, obwohl dem Militär zugehörig, eine enorme, europaweite Reisetätigkeit zu Bibliotheken und Archiven. Suchte er dort nur nach Quellen für seine Arbeit über die solistische Lautenpraxis im 16. und 17. Jahrhundert? Mal schreibt sein Vorgesetzter Gerigk, daß Boetticher "dem Einsatzstab offiziell nicht angehört". Hingegen ist er im Herbst 1941 "Gemeinschaftsleiter der Verbindungsstelle" im Dienst des Sonderstabs; 1942 nennt ihn Gerigk seinen "bevollmächtigten Vertreter" in Paris. 1944 sorgt sich Gerigk gar um seinen Mitarbeiter, der gerade in Riga weilt, "denn im Osten ist es ja weniger einfach als im Westen", wo andererseits für Boetticher "noch manches, auch für den Sonderstab Musik, Wichtiges zu erledigen sein wird".

Boetticher galt bereits im "Dritten Reich" als Schumann-Experte, denn er besaß exklusiven Zugang zu wichtigem Quellenmaterial. 1942 gab er eine Auswahl von Schumann-Schriften heraus, in denen er dessen Bewunderung für Felix Mendelssohn-Bartholdy stramm ins Gegenteil verkehrte, Formulierungen wie "Wahr in allem war Mendelssohn" tilgte und auch vor Manipulationen, ja Fälschungen nicht zurückschreckte. Beweise dafür bot der Mendelssohn-Forscher Eric Werner 1963. Sie blieben für Boettichers Karriere lange folgenlos, bis sich die Schumann-Forschung in den achtziger Jahren dazu durchrang, ihn zu isolieren. Sie tat es schweigend oder mit "herzlichem Dank" für seine Redaktion eines Düsseldorfer Kongreßberichts. Unerwähnt bleibt darin, daß Boetticher bei diesem Symposion 1981 eigenhändig ein Rundfunk-Tonband gelöscht hatte, auf dem die an ihn gerichtete anspielungsreiche Frage nach einer Phasenverschiebung in der Rezeptionsgeschichte Schumanns und Mendelssohns seit dem "Dritten Reich" festgehalten worden war.

1988 lieferte der von Albrecht Dümling und Peter Girth herausgegebene Katalog zur Düsseldorfer Ausstellung Entartete Musik weitere entlarvende Dokumente. Seitdem war Boetticher mancherorts endgültig Persona non grata. Nur in Göttingen nicht. Er wurde zwar diverse Male von der Universitätsleitung befragt. Er nahm Stellung, doch die Hochschule legte weitere Überprüfungen zu den Akten. Alles wurde in den barmherzigen Mantel der Alma mater gehüllt, als sei nichts gewesen. Boetticher lehrte, forschte, begleitete Studenten als Doktorvater. Eine ehrenwerte Figur in Göttingen - bis ihm die Universität unter dem Druck der De-Vries-Veröffentlichung nun doch noch Lehrverbot erteilt hat. Und Boetticher nahm sofort in einem dreizehnseitigen Memorandum Stellung zu den Vorwürfen. Zum Beispiel in der Sache Arno Poldes.

Am 19. Februar 1941 hatte der "Sonderstab Musik" in Paris diverse "Notizen über Bezeichnungen von Kisten" angefertigt. Eine davon galt elf Kisten mit "3000 Schallplatten aus der Wohnung des geflüchteten Juden Arno Poldes, Avenue Pereire 155", die "unter meiner Aufsicht" abtransportiert worden waren. Unterschrift: Boetticher. Seinem Memorandum zufolge gibt es jedoch "überhaupt keinen ,Herrn Poldes' in Paris". Er habe den Namen damals aus demjenigen des Pianisten Andor Foldes fingiert; es sei ein "Phantasiename" und ein gänzlich erfundener Vorgang.

De Vries hat Boettichers Vorwurf, ungenügend über Poldes recherchiert zu haben, nicht ruhen lassen. Er hat weiter nachgeforscht. Es ging um den Nachweis, daß Boetticher auch heute noch die Wahrheit leugnet. Und tatsächlich: De Vries teilt jetzt mit, daß es Arno Poldes sehr wohl gegeben habe. In dessen Pariser Haus (früher Avenue, jetzt Boulevard Pereire 155) wohne heute eine Familie, die es vor etwa 15 Jahren von Poldes' Witwe gekauft hatte und einige Bücher besitze, die Arno Poldes gewidmet seien.

An dieser finalen Wendung zeigt sich, daß Boetticher in jenem Augenblick, in dem er die Chance zu einem vollständigen und uneingeschränkten Schuldbekenntnis gehabt hätte, neue aberwitzige Erklärungen erfunden hat. Sein quälend umständliches "Geständnis", das kürzlich im Göttinger Tageblatt erschien, ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt steht.