Die Artikel, die der langjährige Frankreich-Korrespondent der FAZ, Jürg Altwegg, veröffentlicht, sind aktuell, belesen und landeskundig. Man muß nicht immer mit ihm einer Meinung sein, um zu schätzen, daß da jemand selbst denkt, streitbar ist. Daß es vor allem die Denker sind, die ihn interessieren, ist ebenso unbestreitbar wie legitim, solange sie nicht mit Frankreich überhaupt gleichgesetzt werden.

Altweggs Ehrgeiz ist, das ganze französische Geistesleben der vergangenen fünfzig Jahre von einem Punkt her zu erklären. Das hat zuletzt Friedrich Sieburg versucht, und so wird denn auch im ersten Satz des Buches auf Sieburg angespielt. Die Grundthese lautet, die französische Intelligenz habe unter der intellektuellen Hegemonie Sartres und der Kommunistischen Partei die Kollaboration der französischen Intelligenz mit Hitler und dem Vichy-Regime verdrängt und wegen der verdrängten Schuld eine kollektive Neurose entwickelt. Das verdrängte Thema sei aber in Form eines Zwangs immer aufs neue im Denken wie in der Politik aufgetaucht, um schließlich unter dem Zuspruch der Nouveaux Philosophes, der Postmodernen, von Furet, Courtois und vielen anderen geheilt zu werden. Altwegg spricht vom "geradezu psychoanalytischen Verlauf" der französischen Nachkriegsgeschichte.

Die These, das linke, das kommunistische Engagement der französischen Nachkriegsintelligenz sei aus schlechtem Gewissen gespeist, ist nicht neu. Jankélévitch hat sie zum Beispiel in bezug auf Sartre formuliert. Sie ist im übrigen, wie Altwegg hätte von Freud wissen können, einigermaßen banal. Freud zeigt nicht nur, daß Schuldgefühl krank machen, sondern auch, daß ohne Schuldgefühl keine Zivilisation entstehen kann. Auch die Einwände gegen das von Gaullisten wie Kommunisten lange gepflegte Bild von Frankreich als dem Land der Résistance und das damit einhergehende Beschweigen der Kollaboration sind nicht neu, wenn auch, wie zuletzt der Prozeß gegen Papon zeigte, nach wie vor in Frankreich weithin nicht gern gehört. Neu ist hingegen der Versuch, beides zum einzigen Leitfaden einer Darstellung des gesamten kulturellen und politischen Geschehens in Frankreich zu machen: "Die These von einer Verdrängung der faschistischen Vergangenheit ... und einer langsamen Rückkehr des Verdrängten ermöglicht eine kohärente Darstellung des gesamten kulturellen und politischen Geschehens in Frankreich seit einem halben Jahrhundert, es ist die einzige Perspektive, welche die widersprüchlichen, oft irrationalen Ereign isse und Erscheinungen einzuordnen vermag."

Dieser bei einem leidenschaftlich antitotalitären Denker besonders befremdlich wirkende totalisierende Ansatz macht Altweggs Buch schwerfällig, methodisch fragwürdig und zwingt ihn immer wieder zur Forcierung seines Materials. Schwerfällig deshalb, weil die Grundthese in jedem Kapitel auftaucht. Was bei separat und in erheblichen zeitlichen Abständen erscheinenden Zeitungsartikeln erlaubt ist, wirkt in einem Buch repetitiv. Man hat das Gefühl, daß man da etwas eingerieben bekommen soll, wieder und wieder.

Methodisch ist das deshalb fragwürdig, weil die Übertragung der von Freud bei der Analyse der Neurosen seiner Patienten gewonnenen Kategorien auf die Geschichte kaum mehr sein kann als eine Metapher. Hat eine Gesellschaft wirklich ein Unbewußtes, kennt sie wirklich Regression, Wiederholungszwänge, Neurosen? Freud hat das (zum Beispiel am Ende von Das Unbehagen in der Kultur) überaus vorsichtig erwogen, aber nicht einmal behauptet, geschweige denn bewiesen. Vor allem hat er darauf hingewiesen, daß man keine Gesellschaft, kein Volk auf die Couch legen könne. Wer wäre dann die (zumeist schweigende) Instanz des Analytikers? Die unablässig redenden und schreibenden Philosophen, die so medienversessenen "Neuen" wie Lévy und Glucksmann an der Spitze? Für Freud wie für das ernsthafte psychoanalytische Gesellschaftsdenken sind die Kategorien der psychoanalytischen Neurosenlehre wissenschaftliche Begriffe, deren Übertragbarkeit erprobt und reflektiert werden will. Bei Altwegg sind sie nur eine Redeweise, was sich am deutlichsten darin zeigt, daß er das Schema Trauma - Verdrängung - Krankheit - Analyse - Wiederholung - Heilung gern durch das Schema Sündenfall - Buße - Fegefeuer - Erlösung substituiert.

Welche Selbstgerechtigkeit ist hier am Werke!

Die Denker werden nicht nur als Psychoheiler der Nation überschätzt, sondern Altweggs Buch leidet an einer bisweilen absurden Überbewertung der Rolle des Denkens überhaupt. So, wenn er suggeriert, 1968 stehe am Ausgangspunkt der faschistischen Bedrohung im heutigen Frankreich, gehe doch die "Renaissance einer zunächst kulturell ausgerichteten Nouvelle Droite, die Le Pen und seinem Front National den Weg ebnete, ziemlich direkt auf die Revolte der Studenten zurück". Oder dort, wo er schreibt, es stünde besser um das heutige Algerien, wenn Camus' Erstlingsroman Der erste Mensch früher erschienen wäre.