Mit nacktem Hinterteil kniet der schwule Carl am Boden, vom rechten Bühnenrand bohrt sich ein Pfahl in seinen Anus. Er wimmert, schreit, fleht. Doch Tinker, der Dealer, kennt kein Erbarmen, unerbittlich setzt er das Verhör fort. Wie heißt dein Freund? Kannst du seine Genitalien beschreiben? Läßt du dich in den Arsch ficken? Dann der finale Exzeß. Carl, in auswegloser Qual, verrät seinen Freund Rod. Tinker zückt die Klinge - ein Schnitt, Zunge ab, Blut trieft, ein Ächzen im Publikum.

So ließe sich, Szene für Szene, Horror um Horror, das Stück erzählen, das Peter Zadek mit imposantem Schauspieleraufgebot, darunter Susanne Lothar, seine legendäre Lulu, in den Hamburger Kammerspielen als deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht hat. Und ließe sich so auch verfehlen: Denn Gesäubert (Cleansed), das dritte Bühnenopus der 27jährigen englischen Autorin Sarah Kane, ist weit mehr als die Summe monströser und obszöner Einzelheiten, weit mehr als der Skandalfall, den eine eifrige Vorberichterstattung aus ihm machen wollte - und der sich auch von einigen wenigen Premierenopponenten nicht herbeibuhen ließ. Der große Schock, den Kanes dramatisches Debüt Blasted (Zerbombt) vor drei Jahren noch am Londoner Royal Court Theatre auslöste - mit Cleansed hat er sich nicht wiederholt.

Zugegeben: Gemessen an traditionellen Übereinkünften, was die Bühne darf oder nicht darf (im Gegensatz zum Film, zum Fernsehen, zum Leben), ist Sarah Kanes Theater der Grausamkeit eine Zumutung. Da wird auf offener Szene gefixt und gefoltert, onaniert und koitiert. Inzest, Verstümmelung, Geschlechtsumwandlung, Mord, Selbstmord, Kannibalismus - das Panorama der Nuditäten und Kruditäten ist beträchtlich. Insofern scheint sich Gesäubert auf den ersten Blick direkt einzureihen in die Serie der britischen dirty plays, die derzeit die deutschen Bühnen erobern und für die Titel wie Hautnah oder Shoppen & Ficken effiziente Mundpropaganda leisten. Aber mehr als die Oberfläche, die Fassade des Stücks wäre mit solchen Vergleichen nicht markiert.

Sarah Kane ist eine Autorin, bei der es lohnt, genau, ganz genau hinzuhören - und Aufgabe des Theaters ist es, den Subtext, die Assoziationsenergien dieser knappen, lakonischen Bilder aufzuspüren. Auch das Schreckensszenario der analen Pfählung enthält einen solchen Hinweis, ein einziges Wort: Auf die Frage "Wer ist dein Freund?" stammelt Carl, kaum hörbar, ein "Jesus" heraus. Kurz zuvor hatte Carl seinem neuen Gefährten die ewige Treue geschworen - nie, nie werde er ihn verraten. Rod, der Ältere, der Realist, hatte abgewiegelt: "Ich kann dir nichts versprechen ... Ich würde für dich nicht sterben." Lebenserfahrung gegen idealistischen Überschwang, Skepsis versus Euphorie. Und kaum stellt Tinker den jungen Carl auf die Folterprobe, wird der zum Judas an seinem Freund.

Es ist nicht die einzige biblische Anspielung des Textes; vom Martyrium der Kreuzigung, vom brüderlichen Engel ist an anderen Stellen die Rede. Die sieben Menschen, die Kane auf einem nicht näher bezeichneten, gefängnisartigen Universitätscampus gegeneinanderführt, sind alle von einer diffusen Erlösungshoffnung getrieben; in ihren verzweifelten Anstrengungen, einen Fetzen Sonne, Augenblicke von Wärme und menschlicher Nähe zu ergattern, sind sie sich allesamt gleich: Grace und Graham, die inzestuösen Geschwister, der scheue Robin, das Schwulenpärchen, die blonde Stripperin in der Peep-Show. Und selbst Tinker (Ulrich Mühe), der Sadist vom Dienst, der als Doktor Mabuse und sinistrer Todesbote die Glücksversuche der anderen immer wieder brutal erstickt, hetzt trostlos hinter seinen Sehnsüchten her - der Folterer küßt seine Opfer. Die einzige Alternative, in der diese Menschen sich sehen, benennt Grace: "Liebe oder töte mich."

So ist Kanes Gesäubert ein Totentanz, ein makabrer Reigen vergeblicher physischer und psychischer Erregungen, ein archaisches Ritual von Lust und Gewalt. Ein unaufhörliches Aneinander-Vorbei, ein Hilfesuchen und Weh-tun-Müssen. Wenn dieser Text verstört, verwirrt, nicht losläßt, dann nicht wegen seiner plakativen Greueleffekte, sondern wegen dieser fast schmerzhaften Verknäuelung der Realitäts- und Identitätsebenen. Wer ist hier Freund oder Feind? Täter oder Opfer? Er selbst oder schon der andere? Lebendig oder verkrüppelt? Sind glücksfähig nur die Toten, die Wiedergänger, die Schlafwandler? Ist das die Wirklichkeit noch, die wir kennen, oder schon der Alptraum, vor dem wir uns fürchten?

Peter Zadek inszeniert knapp, nüchtern, unspekulativ. Die grün gekachelte Laborbühne, die Peter Pabst ihm gebaut hat, erlaubt, mit Gardineneinsatz, Lichtwürfen und Projektionen, rasche Schauplatzwechsel - in 75 Minuten ist alles vorbei. Zadek hält sich strikt an Kanes Szenenanweisungen, fügt nichts hinzu, nimmt nichts weg. Und vor allem: Er sucht keine Erklärungen. Irritation pur.