Die Märchenmond-Romane sind eine Kreuzung aus Michael Ende und Tolkien. Tolkiens Welt ist die manischgeniale Erfindung eines sektiererischen Historikers. Sie ist geschlossen, und kein Weg führt in die Gegenwart. Eine Nutzanwendung ist nicht in Sicht. Ende hingegen, der Moraltrompeter aus Phantásien, ist erfüllt von heiligem Eifer, und er tauft seine Alpträume mit dem Weihwasser einer aufs Ganze versessenen Privattheologie.

Von derartigen Skrupeln sind die Hohlbeins frei. Sie fabulieren drauflos und bedienen sich freimütig aus dem Fundus der Traditionen und Vorbilder. Aber sie sind nicht ohne Ehrgeiz. Auch sie wollen dem Leser etwas beibringen. Im Roman Die Bedrohung gerät das friedvolle Tal eines abgeschiedenen Landstrichs in die Hände eines Verführers, der die Jugend um sich schart und sie, wie weiland die Hitlerjungen, auf den gemeinsamen Kampf gegen die Elben einschwört. Die Elben sind ein weises, altes, ewig heimatvertriebenes Volk, das magische Praktiken beherrscht. Sie werden geachtet, aber nicht geliebt. Als monströse, nahezu unbesiegbare Ungeheuer, die Nästys, immer öfter aus den Wäldern hervorbrechen und die Gehöfte verwüsten, werden die Elben als Urheber des Unheils verteufelt und bekämpft. Es beginnt ein Krieg, an dessen Ende klar wird, daß die Nästys nichts anderes sind als die Verkörperung des Hasses und der Vernichtungslust, so daß jeder Sieg über eine dieser Mißgeburten einen neuen Nästy gebiert.

Die Allegorie ist vielleicht simpel, aber sie ist nicht dumm. Und sie ist eindrucksvoll, weil das Buch, wie eigentlich die meisten Hohlbein-Bücher, sich keineswegs in der Bebilderung einer Moral erschöpft, sondern sich unermüdlich in eine immer neue Dramatik hineinsteigert, bis am Ende, wie es sich gehört, das Böse in seine Schranken verwiesen ist. Es gehört zu den naiven und legitimen Bedürfnissen eines solchen Leseabenteuers, daß die moralischen Maßstäbe klar sind. Aber allzu simpel darf es nicht gemacht sein. Daß die Bösen sich am Ende als gut und die Guten als gar nicht so gut herausstellen, ist eine probate Variante. Die Hohlbeinsche Variante der Spaltung (wie etwa in Märchenmond) ist da schon etwas raffinierter und auch moderner: Gut und Böse lassen sich nicht immer genau trennen, sie hausen dicht an dicht in derselben Seele. Die Inbrunst, mit der die Hohlbeins dieser Dialektik folgen, schlägt die seltsamsten Purzelbäume.

Während bei Michael Ende das Papier oft vernehmlich raschelt, während sich Tolkien umstandskrämerisch in Genealogien und Geographien verzettelt, greifen die Hohlbeins frisch hinein in den Malkasten. Ihr Sinn für Komik und Kalauer sorgt im rechten Augenblick für Entspannung - so wenn es von der Spinne, die Kims Weggefährtin im dritten Band darstellt, einmal heißt: ",Du spinnst ja', sagte die Spinne." Und von Zeit zu Zeit lüften die Hohlbeins ganz selbstbewußt den Vorhang ihrer Alchemistenwerkstatt, wo alte Mythen zu neuen Bestsellern zusammengebraut werden. Von Kims Vater heißt es einmal, er habe Bücher von "Karl May, Jules Verne, Lovecraft, Poe, Dominik, Tolkien und Marion Zimmer Bradley", was ziemlich genau die Hohlbeinsche Bibliothek charakterisieren dürfte. Ein andermal, in dem Roman Dreizehn, heißt es: "Dreizehnjährige, die die Welt retten, kommen normalerweise nur in Abenteuergeschichten gewisser Autoren vor, denen nichts mehr einfällt."

Den Hohlbeins fällt immer was ein, aber ihre Schwäche besteht darin, daß sie die Einfälle nicht immer koordinieren können. Zwar türmen sich die Geschichten aufeinander, aber das Fundament ist schmal, und aufmerksame Leser wie F. ärgern sich darüber, daß allzu vieles nicht zusammenpaßt, Fantasy hin, Fantasy her. Auch die Sprache neigt zur Übertreibung, zur Wiederholung. Die Eskalation der Mittel führt manchmal zur Selbstblockade, und die endlosen Beschreibungen der Schlachten und Zweikämpfe kriegen dann doch etwas Ermüdendes. Als der Vater F. einmal fragte, was ihr denn an den Hohlbeins nicht gefalle, sagte das Kind: "Daß sie immer alles zweimal sagen."

Wozu braucht man so was? Lesen ist immer Ersatz. Man liest (Fahrpläne ausgenommen), um nicht zu handeln, um andere - und sich selber - handelnd zu imaginieren. Die Macht der literarischen Fiktion besteht immer in der Produktion von Phantasie, und Fantasy ist nur ihr bedenkenlosester Ausdruck.

Der Vater erinnerte sich an einen Sommerurlaub in einem verregneten deutschen Ort. Im Schreibwarenladen der Kleinstadt lag der Herr der Ringe, und weil die Lektüre zur Neige ging, kaufte er die drei Bände. Tags darauf entpuppte sich der Schnupfen als Beginn einer fiebrigen Erkältung. Er lag eine Woche darnieder und las. Es wurde eine daseinsvergessene Reise in ein phantastisches Nirgendwo. Wenig später schon hatte er das meiste vergessen, und das allein, so schien ihm, war unvergeßlich.