Nehmen wir den Kölner Kardinal Joachim Meisner, dessen besonnener Stimme wir stets mit Gewinn lauschen. Er warnt uns vor der Abtreibungspille RU 486, dies sind seine Worte: Es wäre "eine unsägliche Tragödie, wenn sich am Ende dieses Jahrhunderts die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung zu stellen".

Stilsicher auf den Punkt gebracht: Abtreibungspille gleich Zyklon B. Da hat einer, man spürt es, das Für und Wider seiner Rede gewissenhaft abgewogen. Glücklich die Gemeinde, die solche Hirten hat.

Oder nehmen wir den Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, und seinen fachkundigen Beitrag zur Debatte um das neue Gesundheitsgesetz. Der Bundesregierung mit ihren Sparplänen gibt er zu bedenken: "Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen." Ein solcher Chefarzt läßt uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch.

Stunde des Glücks, da nachdenkliche Deutsche das Wort ergreifen.

Der Kanzler will deutsches Geld nicht länger in Europa "verbraten". Bravo, die erwachsene Republik läßt ein bißchen die Sau raus. Franz Josef Strauß, der den "Harmonieterror" immer von Herzen verachtete, hätte seine Freude daran.

Und nun ruft auch noch Hans Magnus Enzensberger vom Düsseldorfer Rednerpult: Fordert die schweigende Mehrheit nicht heraus! Denn die zahlt eure Gehälter. Aber vielleicht nicht mehr lange, wenn ihr, die "Hüter der sozialen Moral", die sauer verdienten Steuergelder weiterhin für Asylsuchende, Entwicklungshilfe und die Brüder und Schwestern in der ehemaligen DDR verbratet.

Enzensberger wollte, Gott bewahre, keine Sonntagsrede halten. Zu spät, zu spät! Martin Walser ist ihm zuvorgekommen. Und deshalb würdigt das Tübinger Seminar für Allgemeine Rhetorik nicht Enzensbergers, sondern Walsers Ansprache als "Rede des Jahres": die "bedeutendste rhetorische Leistung in deutscher Sprache". Die Tübinger zeichnen Walser aus, weil er sich wehre "gegen das organisierte Zerrbild von Gewissen, Moral und Schuldbewußtsein, das in Grausamkeit gegen die Opfer umschlägt". Da müssen wir etwas furchtbar mißverstanden haben.