Kaisborstel

Günter Kunert setzt die Mütze auf und zieht eine warme Jacke an. Seine Frau Marianne würde ihn lieber im Mantel sehen. Er aber liebt Jacken. Es ist ein kalter Wintertag. Die Bäume sind mit Reif überzogen. Wir sind in Schleswig-Holstein. Hier, in der Nähe von Itzehoe, in einem Haus aus rotem Backstein, mit Efeu bewachsen, leben die Kunerts seit fast 20 Jahren.

In seinem jüngsten Buch hatte ich mich als Engel entdeckt, als "Engel einiger Überwachter, trägt davon, was man ihr auflädt, und bringt herein, worum man sie bittet". Daraufhin rief ich ihn an, zum ersten Mal nach mehr als 15 Jahren.

Dabei nehmen Kunerts Bücher, immerhin 22, viel Platz bei mir ein. Das erste hatte er mir 1971 geschenkt, mit einer üppig illustrierten Widmung. Fast alle stammen noch aus den siebziger Jahren. Nur wenige kamen nach 1980 hinzu. 1979 zogen die Kunerts in den Westen. Es war mir mit ihnen wie mit anderen Freunden gegangen, die die DDR verließen: Sie entfernten sich nicht nur geographisch.

Wir laufen durch den Garten, der eher einem großen Park gleicht. Säuberlich begrenzte Wege, Koniferen, Sträucher, Stauden. Kunert geht jeden Tag hier spazieren. Oft sehr früh. "Ich bin Frühaufsteher", sagt er. Ich bin irritiert, weil er in einem Fragebogen bekannt hatte, er wünschte sich, eine Woche im Bett zu liegen und zu lesen. "Es ist ein Wunschtraum wie: Mein Gott, ich möchte mal ..." Er überlegt: "Skiläufer sein. Oder irgendwas. Aber eine Woche im Bett zu liegen bringe ich doch nicht zustande."

Um halb sechs macht er Frühstück. "Dann rege ich mich auf, daß die Zeitung nicht da ist, die kommt hier bei uns mal um sechs, mal um halb acht", und zwar die Norddeutsche Rundschau. "Die andern kommen mit der Post: FAZ, Spiegel, Stern, Bild der Wissenschaft, nee, ZEIT nicht. Solange Raddatz Ressortchef war, habe ich sie kostenlos bekommen." Außerdem liest er historische Magazine. "Und ich bin Abonnent vom Sammler-Journal, von Spielzeug Antik. Und manchmal kaufe ich mir den Trödler."

Ich kenne niemanden, der sich so gut auf Flohmärkten auskennt wie Günter Kunert, und das nicht etwa nur auf denen von Schleswig-Holstein, Hamburg oder Berlin. "Wenn wir in London sind, dann geht's sonnabends zur Portobello Road, wo mir ein netter Spielzeughändler alles zeigt und vorführt. Und sonntags zum Trödelmarkt in Islington. Lesungen in Nantes und Paris habe ich nur angenommen wegen des riesigen Trödelmarktes in Paris."