Aus göttlicher Sicht gab es schon vor 2000 Jahren kein Problem. Die junge Maria von Nazareth wurde erwählt, gebenedeit und sollte den Erlöser gebären. Doch viele Männer, vor allem jene, die als Nachfolger oder Stellvertreter ihres Sohns auf Erden wirken, haben mit Gottes vollem Vertrauen zu den Frauen offensichtlich ein mächtiges Problem. In der katholischen Kirche dürfen bis heute keine Frauen zu Priesterinnen geweiht werden. In Luthers evangelischen Gemeinden geht es etwas demokratischer zu. Seit 1976 können evangelische Theologinnen zur Pfarrerin ordiniert werden. Und im Jahre des Herrn 1998 wird nun zum ersten Mal eine Frau für das Bischofsamt der evangelischen Kirche in Bayern nominiert.

"Na endlich", sagen engagierte Protestanten und frustrierte Katholikinnen. "Endlich eine Frau, die bereit ist, der alten Mutter Kirche auf die Beine zu helfen!" Selbst weggelaufene Gläubige halten die neuesten Nachrichten aus München für eine frohe Botschaft, "wenn diese Johanna das tut, was sie predigt, wenn sie mit allen Mühseligen und Beladenen einen neuen Dialog beginnen will ..."

"Diese Johanna", die nominierte Kandidatin, vorgeschlagen vom dritten Arbeitskreis der bayerischen Synode, heißt Johanna Haberer. Sie ist 42 Jahre alt, Pfarrerin, Journalistin, Rundfunkbeauftragte der EKD und alleinerziehende Mutter einer neunjährigen Tochter. Eine fähige Frau, Familienstand: geschieden.

Der Augsburger Pfarrer Wolfhart Schlichting und die evangelischen Christen seines konservativen Kreises halten die Kandidatur der Münchner Theologin für einen Skandal. Nein, er hat nichts dagegen, sagt Schlichting, wenn die Frau in der Kirche ihren Mund aufmacht. Sie darf sogar "mitwirken", findet er, solange sie nur die leitenden Ämter dem Manne überläßt. Aber er hat was gegen die Scheidung ("Eine Ehe muß durch Vergebung haltbar sein"). Die Vorbedingung für eine Kandidatur des Bischofsamtes (siehe Timotheus I ff.) sei nun mal ein Mann, der verheiratet mit einer Frau in guter Familie lebe. Man möge bedenken: "Was wird durch eine solche Kandidatur an Nebenbotschaften mitbefördert?"

"Nur Gutes", sagt sein Nürnberger Amtsbruder Martin Simon. Denn erstens (siehe Galater 3, Vers 28) seien Männer und Frauen allesamt eins in Jesus Christus; zweitens müßte das Thema Scheidung kein Thema sein, und drittens und überhaupt sei die Johanna Haberer eine leidenschaftliche Theologin, eine unkonventionell denkende Pfarrerin und darum eine kompetente Kandidatin.

Timotheus hin, Galater her - es brodelt in Bayern: Kann eine Frau, darf eine geschiedene Pfarrerin also in Luthers Kirche ein leitendes Amt übernehmen?

Die Frau Pfarrer trägt Turnschuhe, eine bequeme Hose und einen weiten Pullover, als wir uns an einem eisblauen Samstag morgen im Dezember in ihrem Haus in München treffen. Wie eine Revolutionärin sieht sie nicht aus. Auch nicht wie eine heilige Johanna für den Brandstapel oder die Schlachthöfe. Eher ist da eine ferne Erinnerung an die Gesichtszüge der Frauen, die Leonardo da Vinci in den Bildern der biblischen Mütter porträtierte. Schwer zu beschreiben, dieses Leuchten, dieses Lächeln, das mit einer großen Ruhe von weither zu kommen scheint und doch zu einer Frau gehört, die mit beiden Beinen in dieser Welt steht. Auf Bahnhöfen und Flughäfen zum Beispiel, wenn sie früh um sieben unterwegs ist, um die Interessen der evangelischen Kirche bei den deutschen Rundfunk- und Fernsehanstalten zu vermitteln. "Ein Knochenjob" sei das, sagt sie, immer wieder mit dem "bisweilen niederschmetternden Desinteresse einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft" einerseits und dem ebenso "bisweilen niederschmetternden Desinteresse kirchlicher Repräsentanten an politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen" andererseits konfrontiert zu werden.