Liebe ist nicht nur eine Anomalie, sondern eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit.

Niklas Luhmann

Diese Zeiten sind vorbei, die Revolution des Privatlebens im Sinne der Kommunarden hat nicht stattgefunden. Im politischen Diskurs spielt die Liebe keine Rolle mehr. Geblieben ist uns ihre totale Veröffentlichung.

In der Tat gibt es kaum noch einen Aspekt des Liebens, Geliebtwerdens, Begehrens oder Hassens, der nicht medial bearbeitet und öffentlich dargestellt würde. Irgendwie scheint die Liebe auf diese Weise ihre Kraft zur Subversion verloren zu haben: Herbert Marcuses Vorstellung, das Individuum könne durch eine Steigerung seiner Lust befreit werden von den genußfeindlichen Zwängen der kapitalistischen Arbeitswelt, wirkt heute ebenso fern und entrückt wie Wolf Biermanns junger sozialistischer Fischer, der des Morgens lieber in den Armen seiner schönen Frau liegt, als den Weibern von Buckow seinen Fisch zu verkaufen.

Dabei war der Versuch, Politik von den Beziehungen der Menschen her zu begreifen, vielleicht gar nicht so falsch. Aber das künftige Verhältnis von Liebe und Politik wird ein anderes sein. Heute gilt es eher, die Liebe gegen die Zwänge der Ökonomie zu verteidigen, als die Gesellschaft nach ihrem Bilde zu gestalten.

Und was heißt hier überhaupt Liebe? Ist nur die romantische Liebe der Neuzeit das wahre Gefühl - höchst unterschiedlich repräsentiert durch das engumschlungene Punkerpärchen vor dem Bahnhof, durch Meryl Streep und Robert Redford unter dem unendlichen Sternenhimmel Jenseits von Afrika, durch Paul und Paula, Diana und Dodi, Gerhard Schröder und Doris Köpf? Oder auch die Liebe der Siebzigjährigen, die ihre hundertjährige Mutter pflegt?Die Tränen der kleinen Tochter, wenn das Meerschweinchen stirbt, die Verehrung für einen Lehrer - ist das keine Liebe? Oder die Freude, die einen unversehens beim Anblick eines vertrauten und entbehrten Ortes überfällt - Heimatliebe?

Die Frage nach dem Wesen der Liebe ist die Frage danach, was die Menschen aufeinander angewiesen, was sie voneinander abhängig macht; die Frage, was die Gesellschaft zusammenhält. Norbert Elias hat als ihre anthropologische Quelle die Ausgerichtetheit auf andere beschrieben: das tiefliegende emotionale Bedürfnis eines Menschen nach der Gesellschaft von anderen Angehörigen seiner Gattung. Die Sexualität sei dabei nur die stärkste, demonstrativste, keineswegs aber die einzige Form, in der sich diese Sehnsucht zeige. Die Form allerdings ist wandelbar, abhängig von den Sitten und Gebräuchen der jeweiligen Zivilisationsstufe. Die Meinungen darüber, wen man lieben darf und wie man lieben soll, verändern sich.