Angenommen, die Menschen sterben aus - ganz plötzlich. Eine bösartige Seuche rafft sie zur Jahrtausendwende dahin, und die Natur übernimmt das Szepter. Was bliebe von unseren Errungenschaften, von Wolkenkratzern und Megastädten, Atomkraftwerken und Autobahnen?

Wir schreiben das Jahr 4000 nach Christus. Frankfurt, einst imposante Metropole, liegt unter dichter Vegetation begraben. Wo früher das großstädtische Leben pulsierte, wuchert nun ein Auwald, durch den sich ein ungezähmter Main schlängelt. In Tümpeln und Pfützen hausen Frösche und Schnaken. Aus der Luft erinnert nichts mehr an "Mainhattan". Statt glitzernder Wolkenkratzer ragen Silberweiden und Grauerlen, Flatterulmen und Stieleichen in den Himmel. Wo früher der Berufsverkehr durch Häuserschluchten dröhnte, pirschen sich Wildschweine durch Weißdorn und Hartriegel. Ein paar Sauen verkriechen sich in einer Höhle aus Betonbruchstücken, den Resten des 256 Meter hohen Messeturms. Im Unterschlupf glitzert roter Marmor und läßt die einstige Pracht der gewaltigen Hochhauslobby erahnen.

Die Natur hatte sich das Terrain zurückgeholt. Zunächst keimten vereinzelt Samen in nassen Ritzen, dort, wo sich Herbstlaub und Vogeldreck mischten: im Rinnstein, auf Dachrinnen, zwischen Ziegeln, auf Simsen, im Mauerwerk. An einem heißen Spätsommertag fuhr dann ein Blitz in ein Wohnhaus und entfachte ein Feuer, das ein ganzes Stadtviertel niederbrannte. Im geborstenen, ascheverkrusteten Mauerwerk hatte die Natur leichtes Spiel. Aber auch ohne Feuerhilfe faßten trockenfeste Pionierpflanzen wie Schachtelhalm, Schmetterlingsflieder oder Birke rasch Fuß.

Allerdings entwickelt sich am Main ein ungewöhliches Biotop. "Frankfurt wird auch als Brache Multikulti-Stadt bleiben", sagt der hannoversche Stadtökologe Ingo Kowarik. Die vielen ortsfremden Pflanzenarten, die Städter zur Zierde eingeschleppt haben, mischen sich mit heimischen Arten zu einer "völlig neuartigen" Waldgesellschaft. Zu den grünen Asylanten gehören Götterbaum und Rubinie. Der exotische Artenmix wird über Jahrtausende Bestand haben und als botanische Insel erkennbar bleiben. Denn die Trümmerstadt schafft sich als künstliche Felslandschaft ihr eigenes Klima und beeinflußt mit ihrem kalkreichen Kulturschutt Bodenchemie und Wasserhaushalt.

Backsteinhäuser und Natursteinkirchen stürzen zuerst ein. Wie ungestüm der Zahn der Zeit an ihnen nagt, zeigen Bauten der Ex-DDR, die seit dem Weltkrieg leerstehen: Unkraut in jeder Ritze; aus Fensteröffnungen wachsen stämmige Bäume. Im ehemaligen Grenzgebiet haben sich sogar "naturfeindliche Industriebrachen zu Naturparadiesen entwickelt", sagt Kowarik. Dietbert Knöfel vom Laboratorium für Bau- und Werkstoffchemie an der Universität Siegen ist überzeugt: "Nach 100 Jahren stehen nur noch Ruinen."

Bauwerke aus Stahlbeton halten länger, erreichen aber - abgesehen von AKWs oder Banktresoren - längst nicht das Alter ägyptischer Pyramiden. Sie zerbröseln rascher als die aus primitivem Beton gegossenen römischen Wasserleitungen in Köln. Denn Stahl, der modernem Beton Halt gibt, verrostet. Ohne das metallene Skelett, das oft wie die Saiten eines Tennisschlägers "vorgespannt" ist, geht ein Gebäude unweigerlich in die Knie. "Nach 500 bis 1000 Jahren", schätzt Eberhard Siebel vom Düsseldorfer Forschungsinstitut der Zementindustrie, "bricht der Messeturm zusammen."

Der Verfallsprozeß beginnt bereits nach dem Abbinden des Betons. Das Kohlendioxid der Luft setzt eine chemische Reaktion in Gang, die "Karbonatisierung", die dem Stahl seinen Rostschutz, das alkalische Milieu, nimmt. Wenn Feuchtigkeit durch feine Risse kriecht, beginnt das Metall zu korrodieren. Es vergrößert sein Volumen um das Zwei- bis Dreifache und sprengt den Beton kaputt. Dächer und Decken stürzen ein - dann hat die Natur freie Bahn. In den regennassen Zimmern nisten sich Flechten und Moose ein und beschleunigen mit ihren aggressiven Säureabscheidungen das Zerstörungswerk. "Die belebte Natur hat sicher den größten Einfluß auf den Verfall", sagt Siebel. Ein Sturm oder ein Erdbeben gibt den Wolkenkratzern den Rest. In Frankfurt ist alle 1000 Jahre mit einem stärkeren Erdbeben zu rechnen, das die angeschlagenen Riesen zu fällen vermag.