Wer erinnert sich nicht an Dave Bowman?! Eingehüllt in eine psychedelische Seifenblase, schwebte er 1968 in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey auf die bläulich leuchtende Erde zu. Dazu war das seitdem noch berühmtere Zarathustra-Motiv zu hören, und wir alle waren eher ein wenig ratlos als ergriffen.

Was sollte aus dem "göttlichen Kind" werden, das damals, zu Beginn des 3. Jahrtausends, so übermenschlich inspiriert vom heilsbringenden Monolithen, pneumatisch vor sich hin glühte? Elias? Henoch? Christus? Der Antichrist? - Fragen über Fragen, die nun aber gelöst scheinen: Dave Bowman ist nichts Geringeres geworden als Gott. So wenigstens lautet die Antwort Peter Weirs. Der australische Imaginationskünstler griff für seinen 1998 in die Kinos gekommenen Erfolg Truman Show auf das Alter ego Bowmans, den Schauspieler Keir Dullea, zurück, als er die Rolle des Regisseurs für das gleichnamige, universale und omnipräsente Medienspektakel in seinem Film besetzte.

Als virtueller Gott erklärt uns Dullea auch, was es mit dem stimmungsvollen Inseldasein auf sich hat, dessen Kulisse Weir 1 : 1 von einem der hermetisch geschützten Rentneridylle an der Westküste der USA in den Film übertrug: "Es ist die Welt, wie sie sein sollte" - ein irdisches Paradies. Flimmernd simuliert es die Tradition aller Inselparadiese der politischen Eschatologie, ob Platos Sizilienabenteuer oder die Utopia des Thomas Morus. Aber vor allem ist es eines: das Paradies, das "Gott" schuf. Gott, der charismatische Regisseur eines Welterfolgs, einer einmaligen Show, die nicht "direkt aus dem Leben" geschöpft, sondern das Leben selbst ist. Und dieser Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Er will auf Teufel komm raus sein Geschöpf im Paradies lassen. Der von ihm bereits als Fötus erworbene Adam lebt sein Leben in dem von Gott für das Fernsehen geschaffenen Inselparadies und spielt es zugleich täglich vor einem Milliardenpublikum, ohne etwas von der Koinzidenz zwischen Spiel und Leben zu ahnen. Als er es schließlich bemerkt - paradiesisch gesprochen: als er vom Baum der Erkenntnis ißt -, da weigert er sich, nein, nicht, das Paradies zu verlassen, sondern in ihm zu verweilen. Die Engel Gottes, seine technologischen Hilfstruppen für Special Effects, versuchen vergeblich, ihn daran zu hindern, der Welt, wie sein sollte, den Rücken zu kehren. Daß es ihm am Ende - nicht ohne Hilfe einer medienkritischen Eva - dann doch gelingt, kränkt Gott und begeistert das universale Publikum, das sich natürlich sofort neuen Programmen zuwendet.

Weirs Absage an jedwede Hoffnung auf Erlösung durch das Medium des Paradieses oder das Paradies der Medien spielt vernehmlich mit apokalyptischen Konzepten. Seine Hommage an die Willensfreiheit konterkariert düstere Untergangsängste und kollektive Erlösungsszenarien, die den Film am Ende des 20. Jahrhunderts so unterhaltsam wie sozialpsychologisch fragwürdig machen. Dennoch entwickelt Weirs Verbeugung vor dem gesunden Menschenverstand ihre Spannung durch Dekonstruktion des mächtigsten aller Mythen: Nicht Gott, sondern der Mensch hat das Paradies verweigert, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte. Wenn Jim Carrey alias Truman Burbank am Ende des Films durch eine Tapetentür entschwindet, öffnet sich ihm ein Labyrinth von dunklen Treppen und Gängen - die Welt, wie sie ist.

Solche labyrinthischen Fluchten führen direkt nach L. A. des Jahres 2019 - oder genauer: zu Ridley Scotts Blade Runner aus dem Jahr 1982. Der Film konfrontiert uns in einer von Regensintfluten durchströmten Chinatown und in gigantischen Ruinenhallen mit der Zukunft, wie wir sie fürchten. Die Story basiert auf einem Science-fiction-Klassiker von Philip K. Dick mit dem verheißungsvollen Titel Do Androids Dream of Electric Sheep? und schildert die Jagd eines Spezialagenten auf sechs Maschinenmenschen. Diese vom Menschen äußerlich nicht mehr unterscheidbaren "Replikanten" des hochentwickelten Typus Nexus 6 sind von ihrem Arbeitsplaneten geflohen und suchen - wegen ihrer überlegenen Kräfte gefürchtet und mit Todesdrohungen abgewiesen - als Fremde in der Stadt nach ihrem Konstrukteur. Es geht ihnen darum, ihre wegen der seelischen Menschenähnlichkeit auf nur vier Jahre begrenzte Lebensdauer zu verlängern und das ewige Leben zu realisieren.

Harrison Ford als Blade Runner Rick Deckard gerät in vielfältige Verstrickungen mit den sechs Replikanten: Er tötet, wird selbst fast getötet, wird gerettet, rettet, liebt und wird geliebt, kann aber die Ermordung eines Märtyrers der Androiden-Technologie mit dem signifikanten Namen Sebastian ebensowenig verhindern wie die des Chefkonstrukteurs, des Monopolisten im Androiden-Busineß und Vatergottes der Replikanten. Im apotheotischen Schlußkampf verwandelt sich deren Anführer in einen stigmatisierten Androiden-Christus, der Ford/Deckard vor drohendem Sturz in die Höllentiefe der Monsterstadt rettet.

Schon längst haben wir's geahnt: Nichts ist sicher. Immer mehr erscheinen die Replikanten als menschlich und Deckard selbst als Replikant. Die Grenzen zwischen dem Fremden und dem Eigenen verschwimmen. Zugleich wird die Stadt immer deutlicher zur apokalyptischen Szene, bedroht von Finsternis, Regen, Feuer, Tod und allen weiteren Plagen, von denen die Apokalypse des Johannes (vor allem Kapitel 8, 9 und 16) und die vielen ähnlichen Texte apokrypher Überlieferungen der Juden und Christen nicht genug bekommen können. Die apokalyptische Rolle der Replikanten fassen Dick und Scott in einer Strophe William Blakes zusammen, die zugleich deren Identität verrät: Fiery the angels fell / While thunder roared around their shores, / Burning with the fires of Orc. Die Replikanten in ihrer tödlichen und liebenden Verbindung mit Ford/Deckard enthüllen sich (Apokalypsis heißt Enthüllung) als die sieben apokalyptischen Engel, bei deren Posaunenschall die bekannten Plagen über die Welt kommen und zugleich - denn im Verderben liegt bekanntlich die Rettung - Erlösung ankündigen.