Berlin. Der Schrecken haust in einem ganz normalen Wohnzimmer am Rande der Stadt. Hier, zwischen Kunstledersofa, Yucca-Palme, Klavier und Videogerät ersteht das Szenario von den letzten Tagen der Menschheit. "Lassen Sie uns offen reden", sagt Bernd Korinth, "das Ende, die Zerstörung des Planeten, steht unmittelbar bevor. Die Welt läuft ihrem Höhepunkt entgegen."

Der Mann paßt gut ans Ende des Jahrtausends. Und gut in dieses Wohnzimmer - ein ganz normaler Berliner. Korinth ist Hals-Nasen-Ohren-Arzt, er trägt ein weißes Hemd, eine helle Hose und helle Schuhe, wie es Ärzte tun, die gerade aus der Praxis geeilt sind. Er ist energisch und freundlich. Auf der Nasenspitze klammert sich ein Lesebrillchen fest.

Korinth liest viel. Er wird in den nächsten Stunden fast ausschließlich laut lesen - nur aus der Bibel. Er wird beweisen, daß alles Grauen, das die Menschheit erwartet, schon vor Jahrtausenden vorhergesagt wurde. Er kennt sich aus, er durchpflügt die Heilige Schrift quer durch die Propheten und Kapitel, springt vom Alten ins Neue Testament und zurück. Er wirft Sätze aus der Offenbarung des Sehers Johannes, aus den Weissagungen des Propheten Daniel und den Briefen des Apostels Paulus ins Zimmer. Und wo und was er auch liest, es steht immer nur eines geschrieben: Das Ende ist nah.

"Die Menschen werden vor Angst vergehen, in Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen." Korinth zitiert aus dem Lukas-Evangelium. Dann sagt er: "Genau das geschieht doch. Schau'n wir uns doch um. Überall Krieg, Vernichtung, Angst und Schrecken." Die letzten zwölf Monate vor der Zeitenwende sind angebrochen.

Er baut den Overhead-Projektor auf und wirft eine Schautafel an die Wand, die komplizierter ist als der Zitronensäurezyklus. Ein Rechenwerk, in dem es von Zahlen wimmelt und von bunten Pfeilen, die durch die Jahrhunderte weisen. "Das ist der große Zeitplan im Erlösungswerk Christi", erläutert Korinth, "er illustriert die gigantische Treffsicherheit biblischer Vorhersagen." Er zeigt mit seinem Leuchtpunkt auf eine rosa schraffierte Fläche. Sie stellt die Gnadenzeit dar, die der Katastrophe unmittelbar vorausgeht und den Menschen Zeit zur Bekehrung läßt. "Hier befinden wir uns - unmittelbar vor dem Ende. Die Gnadenzeit läuft ab."

Korinth ist Mitglied der Missionsgesellschaft zur Erhaltung und Förderung adventistischen Glaubensgutes in Berlin. Das ist eine Gruppe von 40 bis 50 Menschen, die sich angesichts des sich neigenden Jahrtausends von den Sieben-Tages-Adventisten abgespalten hat, weil ihr deren Überzeugungen nicht radikal genug erschienen. "Auch die Kirchen haben aufgehört, vom Untergang zu sprechen", sagt Korinth ernüchtert, "sie reden nur noch soziales Zeug und nicht von dem, was uns bevorsteht." Deswegen ist die "offensive Mission", das Aufrütteln der schlafenden Christenheit, der Lebensauftrag des Bernd Korinth und seiner Bruderschaft. Die Menschen dürfen nicht blind in die Katastrophe rennen.

Korinths Einkommen fließt zum großen Teil in sein missionarisches Werk. Sein kleines Haus ist zur Gemeindezentrale umfunktioniert. Im Wohnzimmer finden samstags stundenlange Gottesdienste statt. Im Keller hat der Verlag seinen Platz, der all die prophetischen Schriften herausbringt. Im Zimmer daneben steht eine Videoschnittanlage, die im Offenen Kanal Berlins mit Katastrophenbildern, die aus den TV-Nachrichten zusammengeschnitten wurden, vom nahen Untergang kündet. Im Garten bergen Holzhäuser die Druckmaschinen, auf denen die Glaubenswerke vervielfältigt werden. Alles - der Garten, das Haus, die Köpfe der Bewohner - ist durchdrungen vom Warten auf die Wiederkehr des Herrn in Feuer und Vernichtung. Durchdrungen von der Fin-de-siècle-Stimmung und wohl auch von der Angst vor dem Leben.