Als ich den Auftrag erhielt, den Unternehmer des Jahrhunderts auszuwählen, dachte ich spontan an Henry Ford. Doch grübelnd, entstanden bei mir Zweifel. Ich kam zu dem Schluß, daß nicht nur das bisher Geschaffene, sondern auch das in Zukunft zu Erwartende der Gewichtung bedürfe. Rückblick und Vorschau sollten gleichermaßen meine Wahl bestimmen. Welches erfolgreiche Unternehmen hat die besten Zukunftschancen, wer könnte selbst noch in 50 Jahren als Unternehmer des 20. Jahrhunderts gelten? Diese Frage führte beispielsweise zum Ausschluß von Bill Gates, dem Gründer von Microsoft, denn kein Mensch weiß, was in 2050 mit Microsoft sein wird.

Meine Wahl für den Unternehmer des Jahrhunderts fiel auf einen ganz anderen, einen, der in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt ist, der in einer kleinen Stadt in einer ländlichen Gegend geboren wurde, dort sein Leben lang gearbeitet hat und alt geworden ist. Auf Reinhard Mohn! Warum?

Ich habe Reinhard Mohn zwar einige Male getroffen, meist aber im Kreise von anderen, so daß ich nicht behaupten kann, ihn als Person näher zu kennen. Meine Begründung bezieht sich deshalb weniger auf seine Persönlichkeit als auf seine Leistungen. Mohn hat das Unternehmen Bertelsmann nicht gegründet. Als er das Ruder nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm, war die Firma bereits mehr als 100 Jahre alt. Doch Bertelsmann erzielte 1948 einen Umsatz von 1 Million Mark, wenig mehr als nichts im Vergleich zur heutigen Größe. Seither ist Bertelsmann im Umsatz um das 25700fache auf heute 25,7 Milliarden Mark gewachsen, das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 22 Prozent. Noch erstaunlicher: In jedem einzelnen Jahr gab es einen Umsatzzuwachs. Auch der Gewinn stieg stetig an, obwohl die Profitabilität des Unternehmens nicht spektakulär ist.

Doch das ist nur die quantitative Seite. Nicht minder eindrucksvoll sind die Wege, auf denen Mohn und sein Nachfolger Mark Wössner dieses Wachstum vorantrieben. Diese Wege heißen Multimedialisierung und Globalisierung, beide sind gleichermaßen schwierig zu beschreiten. Wie kein anderes Wissensunternehmen ist Bertelsmann den Weg vom Buch über andere Printmedien zu Tonträgern, Fernsehen und Internet gegangen. Der Stratege Mohn verstand, daß Medien nicht nur Mittel zum Zweck des Transports von "Content" sind, sondern erst eine hohe Professionalität in der industriellen Beherrschung und im Vertrieb dieser Medien den Erfolg ausmacht.

Der zweite von Mohn beschrittene Wachstumspfad, die Globalisierung, ist immer schwierig, doch nirgendwo bereitet sie größere Probleme als bei Sprach-, Kultur- und Wissensprodukten. Wie schafft es ein Unternehmer aus dem westfälischen Gütersloh, gerade in diesen Disziplinen zum Weltmarktführer aufzusteigen? Ein Drittel des Umsatzes stammt heute schon aus den USA. Obwohl erst seit drei Jahren im Markt, hat der Bertelsmann Buchclub in China bereits mehr als 1 Million Mitglieder. Insgesamt sind es auf der Welt mehr als 35 Millionen. Pro Tag werden 700 000 Bücher verteilt, was etwa 8 Prozent aller global verkauften Bücher entspricht - in einem so fragmentierten Markt ein schier unglaublicher Weltmarktanteil!

Und wie steht es um die Zukunft? Sie fängt für Bertelsmann eigentlich erst an. Das Knowledge-Business, das Geschäft mit Wissen, könnte der große Trend des nächsten Jahrhunderts werden. Dieser Trend steht in engem Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem Internet, die den Zugang zu und die Verteilung von Wissen revolutionieren werden. Kein anderes Unternehmen scheint mir für diesen Blockbuster-Trend ähnlich gut aufgestellt wie Bertelsmann. Ich habe deshalb keine Bedenken, dem Nachnachfolger von Mohn, Thomas Middelhoff, das Erreichen der 100-Milliarden-Mark-Umsatzgrenze im Jahre 2013 (seinem letzten Amtsjahr angesichts der Bertelsmann-Altersgrenze von 60) "nahezulegen". Die Vorschau für Bertelsmann fällt also fast noch positiver aus als die Rückschau.

Was sind die größten unter den zahlreichen bekannten Besonderheiten Mohns? Vier ragen für mich heraus. An erster Stelle steht dabei die Selbstbeschränkung, die am stärksten in der strikten Einhaltung der Altersgrenzen für Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitz zum Ausdruck kommt. Wie viele große Unternehmer scheitern im Alter an sich selbst? Und welcher Größe bedarf es, trotz geistiger und körperlicher Fitneß die Macht freiwillig abzugeben?