Liegt es an der allseits beklagten Hetze? An der allgemeinen Verunsicherung angesichts einer immer schneller sich verändernden Welt? Oder ist die nahende Jahrtausendwende schuld?

Tatsache ist: Die Zeit hat Konjunktur. Kaum ein anderes Thema treibt derzeit vielgestaltigere Blüten als das Nachsinnen über die flüchtige Zeit. Unbeschadet der Schwierigkeit, den Gegenstand selbst klar zu definieren, wird das Wesen der Zeit vielfach analysiert und problematisiert, erforscht, ergründet und hinterfragt. Allein die Veröffentlichungen der vergangenen zehn Jahre füllen mittlerweile Regale. Und für jeden Geschmack und jedes Bedürfnis ist etwas dabei. Da gibt es den mittlerweile in der 16. Auflage erhältlichen Bestseller Mehr Zeit für das Wesentliche oder das in der 13. Auflage erschienene 1 x 1 des Zeitmanagements. Auch die Wissenschaft hat die Zeit (wieder)entdeckt. Von der theoretischen Physik über die Anthropologie bis zur Theologie existiert kaum noch eine Disziplin, die das Thema nicht aufgriffe und in ihrem Licht beleuchtete. Kaum jemand, der sich nicht berufen fühlt, aus seiner Sicht noch ein Zitat, einen Gedanken, einen Aphorismus oder eine Untersuchung beizufügen.

So erfährt der interessierte Laie etwa vom amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine in dessen unterhaltsamem Buch Eine Landkarte der Zeit, daß das Lebenstempo in der Schweiz - gemessen an der Gehgeschwindigkeit, der Bedienungszeit am Postschalter und der Genauigkeit der Uhren - am schnellsten, in Deutschland am dritthöchsten und in Mexiko am niedrigsten ist (siehe ZEIT Nr. 20/98). Ethnologische Studien haben ergeben, daß das westafrikanische Volk der Dogon drei bis vier Ruhetage pro Woche kennt. Chronobiologische Untersuchungen zeigten, daß künstlich erzeugte Jetlags bei Fliegen deren Lebenserwartung von 125 auf 98 Tage reduzieren. Eine Studie der Weltbank ergab, daß vielfliegende Mitarbeiter bis zu 80 Prozent mehr Kassenleistungen benötigen als Sesselkleber. Und die Chronopharmakologie meldet, daß zeitlich abgestimmte Krebstherapien um 20 Prozent wirksamer sind als zeitunabhängige Verfahren.

Angesichts dieser geballten Ladung an Originalität erscheinen die jüngsten Blüten der Zeit-Literatur zwangsläufig etwas blaß. Zwar versammeln sich unter dem Titel Zeit haben in einem Sammelband der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie durchaus lesenswerte Artikel, die in kurzer Zeit viel Informatives über Zeit vermitteln. Zu erwähnen etwa der Essay von Marianne Gronemeyer über den modernen Kampf gegen die Vergänglichkeit des Lebens und die Unwiederholbarkeit des gelebten Augenblicks. Oder Karlheinz A. Geißlers zitatengespickte Problematisierung des modernen Zeitbewußtseins. Doch Texte wie der zuweilen hart an der Grenze zur Esoterik mäandernde Beitrag der Musiktherapeutin Gertrud Katja Loos vermögen bloß noch halbwegs zu fesseln.

Natürlich werden viele Überlegungen zur Zeit mit modischen Ausflügen in Chaos- und Relativitätstheorie angereichert, mit Quantenmechanik und Unschärferelationen gewürzt und gerne auch etwas Zen-Buddhismus und I Ging untergerührt. Doch diese vermögen über des Gedankens Blässe oft ebensowenig hinwegzutrösten wie die ewiggleiche Entgegensetzung von zyklischer und linearer Zeit - erstere selbstredend positiv und letztere negativ besetzt - oder das die Grenze zur Esoterik endgültig überschreitende Gefasel von Ganzheiten und Holismen. Vor die Alternative gestellt, solche Bücher zu lesen oder die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen, ist man jedenfalls besser beraten, Karlheinz Geißlers Rat zu folgen und letzteres zu tun.

Dies gilt insbesondere für die wachsende, an Zeitnot leidende Klientel, die sich vom Studium der Zeitmanagement-Literatur einen Zeitgewinn erhofft. Zwar wächst und wächst sie, die sogenannte freie Zeit. Fünf Stunden täglich, so belegen neue Studien, stehen uns für Sport, Medien, Kultur und geselliges Beisammensein zur Verfügung. Gerade noch vier Stunden pro Tag wenden wir im Durchschnitt für bezahlte Arbeit auf. Verglichen mit den 80 Wochenstunden in der Mitte des 19. Jahrhunderts geradezu paradiesische Zustände. Doch die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Mehr Menschen denn je klagen über volle Terminkalender, Zeitmangel und Streß. Entsprechend vielfältig ist das therapeutische Angebot.

Der richtige Umgang mit der Zeit sei nämlich nicht nur das "Kernstück jeglicher Arbeitsmethodik", wie der gemäß Selbsteinschätzung führende Zeitmanagement-Experte Lothar J. Seiwert bereits in seinem vor Jahren erschienenen 1 x 1 des Zeitmanagements behauptete, sondern auch das "Fundament eines umfassenden Systems der Erfolgsverursachung". Aber offenbar ist sein Rat, "mit der Zeit so sorgfältig umzugehen wie mit dem eigenen Geld", seiner Kundschaft noch immer nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Vielmehr muß davon ausgegangen werden, daß Menschen zu latenter Zeitverschwendung neigen, ja geradezu versessen sind, ihr Leben in Muße und Faulheit zu verbringen. Denn nur so ist erklärbar, daß die Fähigkeit, mit Zeit haushälterisch umzugehen, von Kindsbeinen an gelernt, antrainiert, eingebleut und stets von neuem angemahnt werden muß. Selbst Zeitmanagement-Strategien sind somit höchst ineffizient.