Es ist erstaunlich, was alles man in einem Essay unterbringen kann: Auschwitz, die Geschichte, die Aufklärung und den Fortschritt; Hitler und das 21. Jahrhundert; die Eugenik und den Genozid; die Globalisierung und den neuen Rassismus; den jüdisch-christlichen Humanismus, das Böse und die heidnische Barbarei; das Prinzip Nachhaltigkeit und die ökonomische Wüste; die ökologische Jahrtausendfrage und das Planet-Management. Themen ohne Raum, das gibt es jedenfalls in Carl Amerys Essay Hitler als Vorläufer nicht. Gelegentlich spricht Amery auch von einer "Kampfschrift". Aber das ist der hochgradigen Verdichtung nicht hinderlich gewesen.

Grob vereinfacht, skizziert Amery in den ersten Teilen seines Essays eine Geschichtspathologie vor allem des 19. Jahrhunderts, die sich auf die Fortschrittsideologie, das Umschlagen der Aufklärung in Gegenaufklärung, auf Vulgärmaterialismus, Sozialdarwinismus und Eugenik konzentriert. Dieser Teil ist wenig originell und muß sich die bekannten Einwände gegen die langsam zu Ende diskutierte Phrase von der "Dialektik der Aufklärung" gefallen lassen: daß es eben nicht die Aufklärung ist, die da zur Gegenaufklärung wird, sondern eine irrationalistisch verkürzte "Aufklärung", die um ihren originärsten Impuls gebracht ist. Voltaire ob seiner antinegroiden Ressentiments mit Hitler gleichzuschalten gestattet eine provokative Pointe, mehr nicht.

Auch der Versuch, Hitler in diesem "dialektischen" Zusammenhang als Erben einer entfesselten Moderne zu verstehen, unterliegt demselben Einwand. Zumal die politische Religiosität Hitlers, die neuerdings wieder verstärkte Betrachtung findet, dem Bild eines atheistisch und materialistisch entfesselten neuheidnischen Barbaren widerspricht. Amery selbst zitiert es: Hitler begreift sich durchaus als Arbeiter im Weinberg des "Herrn" - nur daß dieser Weinberg bei ihm das Aussehen einer Schädelstätte erhält.

Um so faszinierender Amerys Rekonstruktion von Hitlers "schwarzer Metaphysik", die einer präzisen, zugleich überaus spannend zu lesenden Neulektüre von Mein Kampf folgt. Eigentlich ist es eine psychologische "Metaphysik" - Hitlers mörderisch gewendeter Familienroman. Was an Amerys Analyse mythologisierend wirken könnte, verdankt sich Hitlers eigener Mythologie. Die "Natur" ist darin die "grausame Königin aller Weisheit", der "göttliche Wille" des "Allvaters", während der satanisch-böse Feind frommen Angedenkens in Hitlers paranoidem Weltbild als tödlicher jüdischer Bazillus zirkuliert.

"Unerbittlich rächt die ewige Natur die Übertretung ihrer Gebote" - so unerbittlich, daß bei einem Sieg "des Juden" die Menschheit im Ganzen untergehen und "wie einst vor Jahrmillionen" ein menschenleerer "Planet durch den Äther ziehen wird": Hitler als Apokalyptiker, als Prophet. Übertreten werden aber die Gebote der Natur, wenn ihr "aristokratisches Prinzip" negiert wird und die von ihr eigentlich zur Herrschaft berufene Rasse dem "jüdisch-marxistischen Bazillus" erliegt.

Hitler versteht sich als Akteur in einem Menschheitsdrama, in dem sich der Kampf ums Dasein vorab geopolitisch abspielt: als Kampf um den Lebensraum. "Es ist nicht genug für alle da", lautet im Gegensatz zur marxistischen Lehre Hitlers unfrohe Botschaft. Insgesamt vier Wege zur Regulierung und Behebung der Knappheit diskutiert er: die künstliche Geburtenkontrolle; die innere Kolonisation; Industrie und Handel; schließlich - und das ist sein Weg - den Erwerb neuen Raums für das "Volk ohne Raum", der freilich nicht ohne Umverteilung in den alten Räumen und die dafür erforderliche Selektion möglich ist. Konzentrationslager hier schaffen Raum da - das ist die Lösung, zu der Hitler sich von seiner "grausamen Göttin" inspirieren läßt.

So weit, so monströs. Doch eben in Hitlers geopolitischem Knappheitsszenario, in dem nicht genug für alle da ist, in seiner Apokalypse eines "menschenleeren Planeten" und seinen biopolitischen Selektionsvorstellungen, kurz: in der "Hitler-Formel" liegt für Amery seine fatalste Zukunftsbedeutung, die ihn zum Vorläufer, zu einer Art antihumanistischem Johannes des 21. Jahrhunderts machen soll. Das bislang in der Deutung Hitlers und des Nationalsozialismus dominierende genealogische Interesse tritt hinter einem prognostischen zurück.