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Als Neil Armstrong den Mond betrat, war das ein kleiner Schritt für ihn und ein großer für die Tierwelt. Eine unglaubliche Zahl winziger Lebewesen wie Mikroben, Milben und Amöben war mit von der Partie. Die stillen Geschöpfe erlebten die aufregende Mondfahrt in und auf dem Körper des Astronauten. Sie waren Milliarden Jahre vor uns auf der Erde. Sie werden uns überleben. Bis dahin leben wir mit ihnen - und sie mit uns.

Kein Mensch ist allein. Er ist ein Ökosystem. In unserem Körper zählt man Billionen von Zellen. Rund 90 Prozent von ihnen sind aber nicht menschlich, sondern sie gehören zu jenen Geschöpfen, denen die Evolution den Menschen zugewiesen hat: als Nahrungsmittel und Schlafplatz, Hochzeitsmarkt und Raststätte. Bakterien stellen das Gros: Allein auf der etwa 1,6 Quadratmeter großen Haut eines Menschen leben so viele Mikroben wie Menschen auf unserem Planeten. In unserer Mundhöhle schwimmt die Amöbe Entamoeba gingivalis; in den Poren unseres Gesichts gedeiht die wurmähnliche Milbe Demodex folliculorum. Schließlich existieren auch Flöhe, Fliegen, Mücken, Wanzen, Hefen, Würmer, Egel, Zecken im Habitat Mensch. Manche der Geschöpfe leben in Regionen unseres Körpers, die wir selbst bisher noch nicht erspäht haben.

Wir sind besiedelt! Ins Positive gewendet: Kein Mensch ist und war jemals allein.

Haben nicht Kopfläuse und Amöben den Mensch gezähmt?

Das wirkt sich unweigerlich auf das Bild des Menschen aus. Wenn wir in unserem Körper nur eine Art unter Hunderten stellen, kann keine Rede mehr davon sein, Homo sapiens sei die mächtigste Spezies. Falls Außerirdische jemals einen Menschen treffen sollten, würden sie ihn vermutlich als Ansammlung vieler kleiner Lebewesen beschreiben, die sich auf einem ziemlich großen niedergelassen haben. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse in und auf uns stellt sich die Frage, wer hier wessen Untertan ist. Hat der Mensch wirklich das Tier domestiziert? Oder haben Geschöpfe wie Kopfläuse und Amöben den Menschen gezähmt? So abgerichtet, daß er sie mit zum Mond genommen hat?

Manche unserer Bewohner beeinflussen offenbar sogar unser Denken und Fühlen. Das wollen Forscher am Berliner Robert-Koch-Institut herausgefunden haben. Sie isolierten aus Blutzellen von drei depressiven Patienten Borna-Viren und vermehrten sie in Zellkulturen. Als sie die Viren anschließend in das Gehirn von Ratten injizierten, bewirkten sie bei den Tieren als depressiv zu bezeichnende Gemütsschwankungen. Wissenschaftler im kalifornischen Irvine wiederum entdeckten die winzigen Erreger in Gehirnproben schizophrener Menschen. Ein Virus, das traurig und verrückt macht? Noch wackelt die faszinierende Hypothese.

Indes ist sicher: Der Mensch meistert die Fährnisse des Lebens nicht allein; vielmehr hat sich da in den vergangenen fünf Millionen Jahren eine ungemein bunte Lebensgemeinschaft gefunden, in der immer etwas los ist. Erst vor vergleichsweise kurzer Zeit, in der Steinzeit, ist die Kleiderlaus zu uns gestoßen. Der echte Menschenfloh dagegen, eben noch begafftes Zirkustierchen, findet sich mittlerweile auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

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Je seltener unsere Bewohner geworden sind, desto furchteinflößender erscheinen sie. Der sogenannte Ungezieferwahn, eine seit kurzem auch unter jüngeren Menschen vermehrt auftretende Psychose, hat schon manchen in das Irrenhaus gebracht. Erkenntnisse der Parasitologen und Mikrobiologen aus den vergangenen hundert Jahren haben Ekel und Horror auf ein rationales Fundament gestellt: Einige unserer Bewohner gehören zu den gefährlichsten Tieren der Welt, übertragen sie doch Malaria, Typhus, Gelbfieber und die Pest. Chlamydien scheinen Herzinfarkte zu begünstigen, bestimmte Mundbakterien bewirken Karies, und die säurefesten Mikroben Helicobacter pylori fressen uns Geschwüre in den Magen. Der Keim Micrococcus sedentarius schließlich steht im Verdacht, käsigen Fußgeruch zu verbreiten.

Um den Körperbestien Gutes abzugewinnen, braucht es ein übernatürliches Maß an Objektivität. Und doch: Die überwältigende Mehrheit der Mikroben, Einzeller und Insekten auf uns ist harmlos. Die Geschichte des Lebens auf dem Menschen erzählt folglich vor allem von Bewohnern, die sich gerade dann richtig wohlfühlen, wenn es auch ihrem Wirt gutgeht.

Denn die allermeisten sind harmlose Tischgenossen, Kommensalen. Mehr noch: Ortsansässige Bakterien bilden auf der Haut eine Schützenlinie, um schädliche Mikroorganismen abzuwehren. Im Darm wiederum assistieren Bakterien bei der Verdauung und versorgen den Menschen so mit lebenswichtigen Vitaminen. Dieses dichte ökologische Miteinander in Gut und Böse unterteilen zu wollen wäre vermessen. Daß Leben niemals keimfrei sein kann, haben bereits die sogenannten Gnotobiologen gezeigt. Von ihnen gezüchtete sterile Versuchstiere waren anfällig und schwach. Denn das Abwehrsystem braucht Kontakt mit mikrobiellen Besiedlern, um funktionstüchtig zu bleiben.

Als hätten sie dies geahnt, sind unsere Vorfahren mit ihren Bewohnern weit gelassener umgegangen. Ötzi ertrug einen Peitschenwurm namens Trichuris und andere Plagegeister. Als im 15. Jahrhundert ein Höfling dem französischen König Louis XI. eine Laus wegpickte, bemerkte dieser voller Güte, Läuse erinnerten Adelige daran, daß auch sie Menschen seien.

Noch vor 200 Jahren verstieß es nicht gegen die guten Sitten, auch in vornehmster Gesellschaft mit einem Flohglas nach Ungeziefer zu suchen. Und zur Goethe-Zeit galten stark verlauste Herren als besonders potent, weil die Läuse angeblich die schlechten Säfte absaugten.

Heute aber empören wir uns, wenn eine Mücke unser Blut trinkt, denn Körpersäfte sind das Geheimste, das wir austauschen können. Doch schlagen wir die vollgesogene Mücke dann voller Rachsucht tot, haben wir vornehmlich uns selbst totgeschlagen, sagt der holländische Zoologe Midas Dekkers. Denn mehr als die Hälfte des Flecks auf der Tapete besteht aus unserem eigenen Blut. Wir ekeln uns vor Schmarotzern, zur gleichen Zeit aber trinken wir wie selbstverständlich die Milch verschiedenster Tiere. Junge Massai-Krieger schlürfen das Blut gleich aus dem Hals lebendiger Rinder.

Fast scheint es, mit unseren Besiedlern verhielte es sich wie mit Kindern: Ohne sie wäre unser Dasein ärmer, dunkler und einsamer. Und ähnlich wie wir unsere Gene an die nächste Generation geben, vererben Mutter und Vater dem Nachwuchs ihre persönliche Flora und Fauna. Bereits mit dem Durchtritt durch die Scheide nimmt das Kind Bakterien auf, die sich in den ersten Tagen rasch vermehren. Vom ersten Schrei an lassen die Bakterien uns nicht mehr allein und respektieren unsere Gastfreundschaft ein ganzes Leben lang. Denn erst wenn wir tot sind, fressen sie uns auf.