Je seltener unsere Bewohner geworden sind, desto furchteinflößender erscheinen sie. Der sogenannte Ungezieferwahn, eine seit kurzem auch unter jüngeren Menschen vermehrt auftretende Psychose, hat schon manchen in das Irrenhaus gebracht. Erkenntnisse der Parasitologen und Mikrobiologen aus den vergangenen hundert Jahren haben Ekel und Horror auf ein rationales Fundament gestellt: Einige unserer Bewohner gehören zu den gefährlichsten Tieren der Welt, übertragen sie doch Malaria, Typhus, Gelbfieber und die Pest. Chlamydien scheinen Herzinfarkte zu begünstigen, bestimmte Mundbakterien bewirken Karies, und die säurefesten Mikroben Helicobacter pylori fressen uns Geschwüre in den Magen. Der Keim Micrococcus sedentarius schließlich steht im Verdacht, käsigen Fußgeruch zu verbreiten.

Um den Körperbestien Gutes abzugewinnen, braucht es ein übernatürliches Maß an Objektivität. Und doch: Die überwältigende Mehrheit der Mikroben, Einzeller und Insekten auf uns ist harmlos. Die Geschichte des Lebens auf dem Menschen erzählt folglich vor allem von Bewohnern, die sich gerade dann richtig wohlfühlen, wenn es auch ihrem Wirt gutgeht.

Denn die allermeisten sind harmlose Tischgenossen, Kommensalen. Mehr noch: Ortsansässige Bakterien bilden auf der Haut eine Schützenlinie, um schädliche Mikroorganismen abzuwehren. Im Darm wiederum assistieren Bakterien bei der Verdauung und versorgen den Menschen so mit lebenswichtigen Vitaminen. Dieses dichte ökologische Miteinander in Gut und Böse unterteilen zu wollen wäre vermessen. Daß Leben niemals keimfrei sein kann, haben bereits die sogenannten Gnotobiologen gezeigt. Von ihnen gezüchtete sterile Versuchstiere waren anfällig und schwach. Denn das Abwehrsystem braucht Kontakt mit mikrobiellen Besiedlern, um funktionstüchtig zu bleiben.

Als hätten sie dies geahnt, sind unsere Vorfahren mit ihren Bewohnern weit gelassener umgegangen. Ötzi ertrug einen Peitschenwurm namens Trichuris und andere Plagegeister. Als im 15. Jahrhundert ein Höfling dem französischen König Louis XI. eine Laus wegpickte, bemerkte dieser voller Güte, Läuse erinnerten Adelige daran, daß auch sie Menschen seien.

Noch vor 200 Jahren verstieß es nicht gegen die guten Sitten, auch in vornehmster Gesellschaft mit einem Flohglas nach Ungeziefer zu suchen. Und zur Goethe-Zeit galten stark verlauste Herren als besonders potent, weil die Läuse angeblich die schlechten Säfte absaugten.

Heute aber empören wir uns, wenn eine Mücke unser Blut trinkt, denn Körpersäfte sind das Geheimste, das wir austauschen können. Doch schlagen wir die vollgesogene Mücke dann voller Rachsucht tot, haben wir vornehmlich uns selbst totgeschlagen, sagt der holländische Zoologe Midas Dekkers. Denn mehr als die Hälfte des Flecks auf der Tapete besteht aus unserem eigenen Blut. Wir ekeln uns vor Schmarotzern, zur gleichen Zeit aber trinken wir wie selbstverständlich die Milch verschiedenster Tiere. Junge Massai-Krieger schlürfen das Blut gleich aus dem Hals lebendiger Rinder.

Fast scheint es, mit unseren Besiedlern verhielte es sich wie mit Kindern: Ohne sie wäre unser Dasein ärmer, dunkler und einsamer. Und ähnlich wie wir unsere Gene an die nächste Generation geben, vererben Mutter und Vater dem Nachwuchs ihre persönliche Flora und Fauna. Bereits mit dem Durchtritt durch die Scheide nimmt das Kind Bakterien auf, die sich in den ersten Tagen rasch vermehren. Vom ersten Schrei an lassen die Bakterien uns nicht mehr allein und respektieren unsere Gastfreundschaft ein ganzes Leben lang. Denn erst wenn wir tot sind, fressen sie uns auf.