Es war ein verzweifelter Aufbruch. In der Frühe um drei Uhr stahl er sich aus Karlsbad, weil man ihn sonst nicht fortgelassen hätte. Nur mit dem nötigsten Gepäck, ganz allein, warf er sich in die Postkutsche nach Süden. Nach Jahren immer zermürbenderer Verwaltungsarbeit, immer drückenderer privater Beziehungen hatte er endlich den Ausbruch gewagt. Zeit und Weg waren ihm relativ gleichgültig, wenn es nur in sein Sehnsuchtsland Italien ging. Der erste Schritt hatte ihn aus den beengenden Verhältnissen in eine neue Freiheit geführt. 653 Tage sollte die Reise schließlich dauern, etwa 5000 Kilometer hat er in dieser Zeit zurückgelegt.

Auch die längste Reise, sagt ein arabisches Sprichwort, beginne mit einem ersten Schritt. Goethes Aufbruch nach Italien, einer der berühmtesten der Literatur, scheint dieses Wort treffend zu illustrieren. Aber stimmt es wirklich?

Was uns auch die Reisenden erzählen mögen -jeder Schritt setzt einen Entschluß voraus. Jede Reise beginnt im Kopf, lange bevor der Fuß zum Aufbruch gehoben wird. Wenn Chrétien de Troyes seinen Artushelden Yvain auf einem weißen Zelter, allein und ohne Gepäck, auf die Suche nach dem Gral schickt, so ist dies wohl eine schöne Chiffre für die Bewährung des Ritters in der Welt, entspricht aber kaum der Wirklichkeit mittelalterlicher Reisepraxis. Und wenn Joseph von Eichendorff den jungen Taugenichts, nur mit seiner Geige und einigen Groschen Reisegeld versehen, unbeschwert in die weite Welt hinter der väterlichen Mühle hinausschlendern läßt, um irgendwo in der Ferne sein Glück zu machen, so hat dies einen deutlichen Märchenklang, der selbst heute, in unserer Last-minute-Tourismusindustrie, noch nicht ganz Realität geworden ist.

Allerdings hätte auch keiner der Zeitgenossen von Chrétien oder Eichendorff den Yvain oder den Taugenichts als reale Reise gelesen. Die mittelalterlichen Reisenden kannten nur zu gut die Bedeutung verläßlicher Gefährten, die Gefahren der Straße und die Sorgen um sicheres Quartier, die Widrigkeiten des Wetters und die beste Reisezeit, wußten um die Notwendigkeit sorgfältiger Planung in einer Zeit, in der jede Unachtsamkeit lebensbedrohend sein konnte.

Dennoch waren schon damals erstaunlich viele Menschen unterwegs: die Kleriker und Missionare, die Kaufleute und Händler, die Fahrensleute und Gelehrten, die Krieger und die Pilger, die Herrscher und die Unbehausten. Manche, deren Namen wir kennen, kamen weit herum, bis an die Ränder der bekannten Welt und mitunter auch darüber hinaus: etwa der Franziskaner Pian del Carpine als päpstlicher Gesandter im Jahre 1246 bis an den Hof des mongolischen Groß-Khans im Karakorum, Marco Polo nur wenig später gar bis in das sagenhafte Kathai, der französische Arzt Anselm d'Ysalguier 1405 bis zu den schwarzen Menschen am rätselhaften Fluß Niger, der alle Länder Afrikas durchfließen sollte, der Knappe Hans Schiltberger als osmanischer Sklave zu Beginn des 15. Jahrhunderts höchst unfreiwillig bis nach Turkestan und ins eisige Sibirien.

Von anderen nicht minder gefahrvollen Reisen aus dieser Zeit, die wir völlig unzutreffend die Zeit "vor den großen Entdeckungen" nennen, wissen wir nur indirekt: Wer brachte den begehrten friesischen Wollstoff bis nach Bagdad an den Hof Harun al Raschids? Wer den elsässischen Wein nach England und Skandinavien, wer russische Pelze nach Frankreich, afrikanisches Elfenbein nach Italien, indische Heilsalbe an den Rhein?

Aber obwohl die Welt in den folgenden Jahrhunderten immer mehr vermessen und allmählich auch um zwei Kontinente größer wurde, blieben doch für das Gros der Menschen bis in das frühe 19. Säkulum die Grenzen ihrer Alltagswelt eng gesteckt: Sie waren in einen überschaubaren kleinen Kosmos, in einen bestimmten Stand hineingeboren und blieben darin ihr Leben lang. Schon eine kleine Reise von 20 oder 30 Meilen galt ihnen, wie Luise von François 1871 rückblickend schrieb, als "ein halber Tod".