Bill Gates war da, Steve Jobs ebenfalls und ein weiteres Dutzend der lebenden Legenden der Computerindustrie. Bei einem Treffen in Washington wollten die High-Tech-Größen den amerikanischen Kongreß für einen besseren Schutz gegen Software-Piraterie gewinnen. Mit am Tisch saß nur eine Frau: Carol Bartz, seit 1992 Geschäftsführerin und Verwaltungsratsvorsitzende von Autodesk. Weltweit bekanntes Vorzeigeprodukt ihrer Firma und de facto Industriestandard: die Designsoftware AutoCAD.

Nur fünf Frauen stehen an der Spitze der 1000 führenden US-Unternehmen, die 50jährige Bartz ist eine von ihnen. "Girl"- Fragen gehören deshalb zu ihrem Interviewalltag, ein müdes Lächeln ebenfalls. Ihr Favorit: "Was ist der Unterschied im Managementstil von Frauen und Männern?" Ihre Antwort: "Keine Ahnung. Ich war nie ein Mann." Schlagfertig und humorvoll reagiert sie auf die ewigen Klischees. Die Wirklichkeit der Branche sieht sie dennoch unverblümt: "Die Zahl der Frauen in Technologieberufen ist entsetzlich klein." Seit Jahren setzt sich deshalb die Firmenchefin, die selbst eine 10jährige Tochter hat, vehement für Chancengleichheit ein.

Bartz wächst in einem Bauerndorf bei den Großeltern auf. Von Mathematik war sie von klein auf fasziniert: "Niemand sagte zu mir, daß ich da nicht gut zu sein brauchte, was ja junge Mädchen normalerweise viel zu oft hören." Während die Studentenrevolte weltweit Universitäten lahmlegt, rennt sie 1968 an der Uni mit Schachteln voller Lochkarten herum und "verschwendet ihre Zeit" - das meinten zumindest ihre Kommilitonen. 1971 besteht sie ihr Examen in Informatik mit Auszeichnung. Im dunklen Kostüm, am aufgeräumten Schreibtisch, fügt sie lachend hinzu: "Ich kann mit Stolz behaupten, ich bin ein Computerfreak der ersten Generation."

Ihr Studium finanziert sie selbst, mit Jobs in Banken. In kleinen Geldinstituten beginnt sie dann auch ihre Karriere: Sie reist übers Land in zahlreiche Bundesstaaten und erklärt den Bankmanagern, die ihre Bücher noch mit der Hand führen: "Hey everybody, let's use a computer." Es folgen Jobs bei 3M und der Digital Equipment Corporation in Atlanta. 1983 fängt sie bei Sun Microsystems an, Beginn einer steilen Silicon-Valley-Karriere. Innerhalb von sieben Jahren steigt sie dort zur Vizepräsidentin auf. In dieser Funktion vergrößert sie in zwei Jahren die weltweiten Umsätze um fast ein Drittel auf 3,6 Milliarden Dollar. Bei Sun lernt sie auch ihren Mann kennen, im Alter von 40 Jahren bringt sie eine Tochter zur Welt - und kündigt ihren Job.

Eine Führungsposition war eigentlich nicht Teil ihres "persönlichen Spielplans". Aber als ein Headhunter anruft, sagt sie sich: "Einen Job muß ich haben, dann kann es genausogut dieser sein." Sie geht zu Autodesk. Mit 2500 Mitarbeitern konnten unter ihrer Leitung die Umsätze der Firma seit 1992 mehr als verdoppelt werden, auf zuletzt 617 Millionen Dollar. In Europa verzeichnete das Unternehmen mit 70 Millionen Dollar im zweiten Quartal 1998 die bisher höchsten Umsätze überhaupt. Die Firma mit Sitz in San Rafael nördlich von San Francisco hat 3 Millionen Kunden in mehr als 150 Ländern, die Software wird in 19 Sprachen vertrieben. Die 2-D- und 3-D-Produkte von Autodesk werden von Architekten und Ingenieuren ebenso benutzt wie beispielsweise bei der Film- und Videoproduktion.

Heute gehört Bartz nicht nur zu den führenden Managern im Silicon Valley, sondern auch zu den Topgeschäftsfrauen des Landes. Sie sitzt im Export Council der US-Regierung sowie im Verwaltungsrat von Cisco Systems und AirTouch Communications. Das US-Magazin Fortune zählte sie kürzlich zu den 50 mächtigsten Geschäftsfrauen der USA, und für Vanity Fair gehört sie zu den 200 einflußreichsten Frauen des Landes.

"Junge Mädchen werden nicht ausreichend motiviert"