Beide Gesetze gelten dem Schutz beginnenden menschlichen Lebens, beide stehen nun unter heftigem Beschuß. Wissenschaftler und Ärzte haben in den vergangenen Wochen gefordert, das strenge deutsche Embryonenschutzgesetz zu lockern und die liberale Abtreibungspraxis nach dem Paragraphen 218 zu verschärfen. Beide Forderungen zielen darauf ab, den Schutz beginnenden Lebens mit zunehmender Entwicklung des Embryos abgestuft zu verstärken. Dagegen versucht der Gesetzgeber, prinzipiell ohne eine zeitabhängige Schutzklausel oder Fristenlösung auszukommen.

In der Praxis führen die Gesetze jedoch immer häufiger zu Konflikten. So sind Abtreibungen in Deutschland selbst kurz vor der Geburt noch erlaubt, obwohl die Feten dann schon außerhalb des Mutterleibes leben könnten. Manche sind so kräftig entwickelt, daß sie den Abort überleben. Darf man in der Gebärmutter töten, was im Brutkasten absoluten Schutz genießt? Die deutsche Ärzteschaft meint nein. Deshalb rief ihre Standesvertretung, die Bundesärztekammer, im November zur Änderung der Abtreibungspraxis auf und forderte, Aborte nach der 20. bis 22. Schwangerschaftswoche in der Regel zu untersagen.

Das Embryonenschutzgesetz ist zudem ins Visier der Wissenschaftler geraten, weil es Forschung an Embryonen untersagt. In vielen anderen Staaten ist eine auf die ersten zwei Wochen der Embryonalentwicklung befristete Forschung erlaubt. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß just diese Forschung für die Therapie häufiger Krankheiten wie Herz-, Nieren- oder Leberversagen, Diabetes oder Parkinson-Leiden von großer Bedeutung sein könnte. Biotechniker wollen embryonale Stammzellen gewinnen und aus diesen neue Organe heranzüchten. Deshalb fordern Wissenschaftler wie etwa der Immunologe Davor Solter, der Alzheimer-Spezialist Konrad Beyreuther oder der Reproduktionsmediziner Henning Beier eine Lockerung der strengen deutschen Vorschriften. Sie stimmen damit in einen lauter werdenden internationalen Forscherchor ein. In vielen Ländern fordern Wissenschaftler nun verstärkte Förderung der Embryonenforschung.

Hierzulande ist es fraglich, ob die Bundesregierung solchem Drängen nachgibt und das Embryonenschutzgesetz ändert (siehe Interview nächste Seite). In Bonn herrscht die berechtigte Skepsis, die Heilsversprechen vieler Forscher könnten sich als übertrieben erweisen.

Die Abwartetaktik entschärft jedoch nicht den eklatanten Kontrast zwischen dem strikten Embryonenschutz und der Abtreibungspraxis. Späte Aborte können nicht nur deshalb dramatisch enden, weil der Fetus überlebt. Das Risiko ist hoch, daß das verstoßene Kind bei dem Eingriff zusätzlich schwere Schäden erleidet. Verläßliche Zahlen, wie häufig Kinder Aborte überstehen, existieren nicht. In Deutschland dürfte es mehrere hundert späte Abtreibungen jährlich geben, ohne Registrierung. Überlebt das Kind, dann muß der Mediziner versuchen, es zu retten - sonst droht ihm Strafverfolgung.

So erstattete vor einem Jahr der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe Strafanzeige im Fall des kleinen Tim. Der Junge war im Juli 1997 in der Städtischen Frauenklinik von Oldenburg zur Welt gekommen. Er leidet an einem Down-Syndrom (Trisomie 21), deshalb hatte seine 35 Jahre alte Mutter eine Abtreibung verlangt. Die Unterbrechung der Schwangerschaft erfolgte in der 25. Woche - aber Tim überlebte. In Presseberichten hieß es Ende 1997, das Kind sei nach der Geburt zehn Stunden lang beobachtet worden, erst danach habe man intensivmedizinische Maßnahmen ergriffen. Die verzögerte Behandlung habe weitere schwere Schädigungen des Kindes verursacht. Die Berichte veranlaßten Hüppe, der seit Jahren die gängige Abtreibungspraxis kritisiert, Strafanzeige zu erstatten. Auch Tims Eltern verlangen von der Klinik Schadenersatz und Schmerzensgeld. Die Oldenburger Ärzte hingegen bestreiten die Vorwürfe. Sie hätten sich der völlig verzweifelten, auf Abtreibung drängenden Mutter erbarmt und ihr Kind nach dem Abort auf die übliche Weise behandelt. Vielleicht bringt der Oldenburger Staatsanwalt endlich Licht in die tragische Geschichte.

Eine Diagnostik am Embryo könnte Abtreibungen vermeiden