Ja, früher, als das Wünschen noch nicht geholfen hat, das waren bessere ... Nein, natürlich waren es schlechtere Zeiten, und des Jammerns wäre kein Ende, wenn die Menschen des beginnenden dritten Jahrtausends, die ihr technik- und wissenschaftsbestimmtes Los so gerne beklagen, in sie zurückversetzt würden.

Nicht besser, aber in mancher Hinsicht einfacher waren jene Zeiten schon. Der biomedizinische Fortschritt beschert den Menschen manches große Dilemma. Er stellt sie vor Entscheidungen, die sie überfordern. Überfordern ist noch ein zu schwächliches Wort: Die Menschen treffen Entscheidungen, die sie bei ihrer psychisch-moralischen Beschaffenheit eigentlich nicht treffen können, jedenfalls solange sie bei Trost und Verstand sind (siehe Wissen, Seite 23: Streit ums frühe Leben ).

Früher bekam ein Paar Kinder, oder es bekam keine, und wenn es sie bekam, dann nahm es sie, wie sie waren. Dank den Fortschritten der Reproduktionsmedizin gehen heute die Kinderwünsche von Paaren in Erfüllung, die nie Kinder bekommen hätten, dank den Fortschritten der Gesetzgebung aber auch die Kinderlosigkeitswünsche von Paaren, deren Kinder bereits im Mutterschoß heranreifen, und dank der Pränataldiagnostik werfen die Eltern einen Blick in die Zukunft des Kindes und brechen gegebenenfalls die Schwangerschaft ab.

In jedem Fall entscheiden Menschen über Tod oder Leben, und zwar ihrer Nächsten, und meist sind keine versierten Moralphilosophen in der Nähe, ihnen klugen Rat zu spenden.

Gewisse moralische Extremsituationen lernte man früher höchstens als Aufsatzthemen kennen, und man bestaunte und bedachte sie in dem Bewußtsein, selber wahrscheinlich nie in derlei ungeheuerliche Lagen zu kommen: Darf der Überzählige, der das Rettungsboot zum Kentern bringen würde, ins Wasser zurückgestoßen werden? Die Fort- schritte der Biomedizin führen dazu, daß ähnliche Grenzfragen alltäglich werden und jedermann ereilen können.

Wie lassen sich im ethischen Neuland eigentlich Mittelwege finden?

Bei dem Versuch, nicht einfach alles, was möglich ist, entweder zu erlauben oder zu verbieten, sondern in dem ethischen Neuland halbwegs unbedenkliche Mittelwege zu finden, verwickeln wir uns unweigerlich in Widersprüche.

Nicht, daß solche Regelungen willkürlich und maßstablos wären. Aber ein und derselbe Maßstab, etwa die Verminderung von Leiden, kann höchst widersprüchliche Ergebnisse zeitigen, wo der eine potentiell am anderen leidet. Und die ehrlicheren und widerspruchsfreieren Fristenlösungen sind politisch verbaut, weil sie zu deutlich machen würden, welcher Art Entscheidungen da wirklich getroffen werden, und ein großer Teil der Bevölkerung sie in dieser Unverblümtheit niemals hinnähme.

Als besonders tückisch erweist sich die Erfüllung des scheinbar unschuldigsten Menschheitswunsches, nämlich einen Blick in die Zukunft tun zu können: "Einmal kurz die Datumszahl auf meinem Grabstein sehen dürfen!" Eine Genomanalyse läßt schon im Augenblick der Befruchtung das biologische Schicksal voraussagen - heute nur bruchstückhaft, morgen gewiß vollständiger. Es werden glücklicherweise immer nur probabilistische Prophezeiungen sein, wie die Wettervorhersagen, es könnte also auch anders kommen, aber manche Wahrscheinlichkeiten sind so hoch, daß es einen neuen Wunderglauben brauchte, sie in den Wind zu schlagen. Was aber anfangen mit dem Wissen? Eine ernstzunehmende Voraussage mobilisiert vielleicht hier und da die menschliche Niedertracht; vor allem aber mobilisiert sie eine der moralischsten Eigenschaften, nämlich die, weitblickend Vorsorge zu treffen für sich und die Seinen.

Daß man eindeutigen körperlichen Krankheiten möglichst früh zuvorkommen darf, ja muß, scheint unumstritten. Aber wo hören die Krankheiten auf und fangen die zumutbaren Unannehmlichkeiten an? Würde eine erbliche Disposition zur klinischen Depression als Krankheit gelten? Aber wenn auch sogenannte Persönlichkeitsmerkmale korrigiert werden, welche die Lebenschancen herabsetzen - warum dann nicht auch eine niedrige Intelligenz?

Daß das glücklicherweise gar nicht zur Diskussion stünde, weil multigenetisch bedingte Persönlichkeitsmerkmale sich einstweilen der Beeinflussung entziehen, ist nur ein vorläufiger Trost. Die Tage werden kommen, wo sie sehr wohl beeinflußbar werden. Dann wird der Mensch tatsächlich umgebaut: Die Unterschiede, die jeweils als negativ empfunden werden, können vermindert und eingeebnet werden. Dennoch wird der Mensch auch das als der gleiche überstehen: Denn was alle Menschen gemein haben, ihr biologischer Kern sozusagen, ist größer und älter als alle oberflächlichen Unterschiede zwischen ihnen und wird sich der Manipulation schlau entziehen. (Menschen und Schimpansen haben zu über 99 Prozent die gleichen Gene!)

Der Wunsch, der für die Seinen nur das Beste will, wird, denke ich, so stark sein, daß am Ende alles, was möglich ist, auch geschehen wird. Wenn in einem Land eine Heilung oder "kosmetisch" genannte Korrektur möglich wird, die eine restriktive Gesetzgebung anderswo untersagt, werden sich dorthin wieder die Pilgerzüge des Mittelalters in Bewegung setzen. Und die Mauer wird eine Strandburg gewesen sein im Vergleich zu den Wällen, die Staaten bauen müßten, welche ihren Bürgern den Weg zu wirklichen Jungbrunnen verlegen wollten.

Denn der biomedizinische Fortschritt könnte zwei Tatsachen schaffen, vor denen all die kniffligen bioethischen Fragen von heute zu einem bloßen Geplänkel werden, die eine bald, die andere in fernerer Zukunft: Er könnte eine Geschlechtsselektion der Ungeborenen ermöglichen, die in vielen volkreichen Gegenden der Erde prompt einen naturkatastrophenhaften Frauenmangel zur Folge hätte, und er könnte nicht nur die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhen, wie er das seit 150 Jahren tut, sondern die maximale Lebensspanne, die bisher gleichgeblieben ist, und so den uralten Unsterblichkeitswunsch der Menschheit Stück um Stück in Erfüllung gehen lassen.

Dann wird es keine Ausflüchte mehr geben können, dann wird es Lebenslizenzen geben müssen, oder die Menschheit geht unter, nicht mit einem Knall oder einem Gewinsel, sondern euphorisch wie im Märchen - weil sie sich an ihrem Wünschen übernommen hätte.