Miese Zeiten für Untergangspropheten: Seit Jahren beschwören Euro-Gegner die ökonomische Apokalypse - und immer tritt das Gegenteil ein. Zum offiziellen Start des Jahrhundertprojekts präsentiert sich "die kränkelnde Frühgeburt" (Kanzlerkandidat Gerhard Schröder Ende März 1998) als putzmunterer Wonneproppen. Gegenüber dem übermächtigen US-Dollar behauptet sich der kecke Neuling auf Anhieb, zur gleichen Zeit sind Anleger aus aller Welt ganz wild auf Euro-Aktien. Und auch die Technik spielt mit. Pleiten und Pannen? Fehlanzeige vermeldeten die Fachleute aus Notenbanken und Kreditinstituten bis Mitte der Woche. Der vielfach befürchtete GAU blieb aus. Die neunziger Jahre haben beste Chancen, in die Wirtschaftsgeschichte als Jahrzehnt des Euro einzugehen.

Dabei hätte die Lage vor dem offiziellen Start ungünstiger kaum sein können. 1998 brachen in Asien und Rußland ganze Volkswirtschaften zusammen, die Welt erlebt die tückischste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Mitten in diesem Chaos erweist sich Euro-Land als Hort der Stabilität. Trotz panischer Investoren bewegen sich die Wechselkurse in der künftigen Währungszone sowenig wie Segel in der Flaute. Inflationsraten und Zinsen sinken gar, zum Teil in einem Tempo, das selbst Optimisten der Atem stockt.

Vor nicht allzu langer Zeit schwor noch eine große Mehrzahl der Experten Stein und Bein, daß Europas Einheitsgeld eine schwache Währung werde, und schürten damit die Ängste der Bürger um ihr mühsam Erspartes. Spätestens nach der bravrösen Feuertaufe sind diese (oftmals apodiktisch vorgetragenen) Warnungen als Panikmache entlarvt. "Gegen den Dollar befestigt" schlagzeilt die Bayerische Landesbank in ihren Euro Facts und steht damit für den Mainstream in der internationalen Finanzszene: Auf absehbare Zeit gilt ein harter Euro als ausgemachte Sache.

Einige fürchten gar schon eine zu harte Gemeinschaftswährung und damit um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exportindustrie. Und Tollkühne faseln im Euro-Rausch bereits davon, daß die europäische Valuta den amerikanischen Dollar als globale Nummer eins überflügeln wird. Mal abgesehen davon, daß solch eine monetäre Führungsrolle das politisch ungeeinte Europa ziemlich überfordern würde, artikuliert sich hier ein Wunschdenken.

Realistisch ist ein anderes Szenario: Der Euro wird sich rasch als eine Weltwährung etablieren und sicherlich das Gewicht der guten alten Mark an den internationalen Finanzmärkten übertreffen. Der Abstand zum japanischen Yen wird sich (weiter) vergrößern, der Rückstand zur Leitwährung Dollar wird abnehmen. Doch noch ist der Dollar in allen Belangen dermaßen dominant, daß ein Phantast ist, wer heute schon davon träumt - wie manche französische Leitartikler -, die Notenbanken auf der Welt könnten für ihre Währungsreserven mehr Euro als Dollar horten oder rund um den Globus würden schon bald mehr Handelsgeschäfte in der europäischen als in der amerikanischen Währung abgerechnet. Ganz zu schweigen von dem Vorsprung, den die US-Valuta bei internationalen Geldanlegern genießt. Wie allerdings Konkurrenz das Geschäft belebt, zeigt das plötzlich aufgeflammte Interesse amerikanischer Politiker, Medien und Denkfabriken an dem "historischen Schritt" (Präsident Bill Clinton). Noch vergangenen Sommer hatten sich die dortigen Eliten - in einer Mischung aus Arroganz und Ratlosigkeit gegenüber dem Treiben jenseits des Atlantik - meist desinteressiert gezeigt. Der Euro-skeptische US-Publizist Robert J. Samuelson bringt eine weitverbreitete Stimmung auf den Punkt: Die Vereinigten Staaten fürchteten keineswegs den Erfolg der Währungsunion und damit einen starken Wettbewerber. "Wir haben vielmehr Angst vor seinem Scheitern, was Europas Wirtschaft und seinen politischen Zusammenhalt dramatisch schwächen könnte." Und damit auch den USA schaden würde.

Ein natürlich noch weitaus höheres Interesse am Gelingen des Projektes haben die Europäer. Sie haben sich auf Gedeih und Verderben zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen, wie es Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer immer wieder mahnend formuliert hat. Was aber wäre in diesen Zeiten der Globalisierung und Ökonomisierung der Politik eine echte Alternative? Eine überzeugende Antwort auf diese zentrale Frage sind diejenigen schuldig geblieben, die so voller Inbrunst am Euro herumnörgeln.

Die Euro-Skeptiker sehen auf der ganzen Linie alt aus. Nur einige markante Beispiele: Nie und nimmer seien die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrages zu schaffen, ereiferten sich noch vor gut einem Jahr Heerscharen von Euro-Kritikern, die sich vor allem an der Dreikommanull-Hürde für das Haushaltsdefizit verbissen. Die Fakten: Deutschland und die anderen Bewerber schafften - zum Teil - locker die Norm. Prompt hagelte es Vorwürfe, Manipulateure seien am Werk. Zu Unrecht, wie sich erwies. Unbeirrt trommelten die DM-Traditionalisten dennoch weiter. Vier Professoren zogen nach Karlsruhe, um "die Gefahr eines unermeßlichen Schadens für Europa und für Deutschland" abzuwenden. Die Bundesverfassungsrichter beurteilten das Vorhaben völlig anders und schmetterten die Klage ab.