Du mußt mit dem Obstbaum reden", heißt es auf unserer Shampooflasche (für dünnes, gestreßtes Haar), und das nehmen wir uns fest vor fürs neue Jahr. Mit dem Obstbaum reden, in Kirschblütensprache, rosa und weiße Worte, Apfelblütenworte - kann es Schöneres geben, und ist es nicht weise und gut, den Dichtern zu vertrauen? Was uns Hilde Domin (sonst: Fischer Verlag) auf unserer Shampooflasche (Timotei, Elida Fabergé Hamburg) zuflüstert, das müßte auch Botho Strauß gefallen (sonst: Hanser Verlag), der hart an einer "Ästhetik der Anwesenheit" arbeitet und vor einiger Zeit in einem großen Hamburger Nachrichtenmagazin zum bockigen, endgültigen Aufstand gegen die sekundäre Welt aufrief. Anwesenheit! Das wär's, mal so richtig anwesend sein, nicht sekundär, in großen Magazinen, auf Shampooflaschen, im allgemeinen Gerede, Jargon und Geschwätz, in Preisreden, sensiblen Reportagen und auf den zugehörigen Farbfotos. Aus einer Achselhöhle neu geboren werden, unter einem Pflaumenbaum, im Licht des Mondes ganz für sich hauchzarte, naturweiße Blütenblätter beschreiben und dazu anständig Obstler trinken - das wäre eine Existenz, die wahrlich das Leben und das Dichten lohnte.

Allerdings würde auch in der so entstehenden Literatur der Luftkrieg nicht vorkommen, und die Dichter könnten das große Versagen, das der Kollege W. G Sebald (auch Hanser, im Frühjahr noch einmal frisch aufgelegt) ihnen seit Jahren so unerbittlich vorhält, nicht wiedergutmachen. Sollen sie "schweigen / in der rosa / und weißen Sprache", wie Frau Domin empfiehlt? Das gestreßte Haar im Winde flattern lassen und auf die belebende Wirkung von Timotei warten? Sollen wir uns alle dem Obstbaum, dem Spiegel oder dem Hanser Verlag anvertrauen, wenn uns ein Unrecht geschieht? Die Dichter werfen Fragen auf, hart an der Grenze der Antwortlosigkeit. Das ist so ihr Beruf, deshalb die zerfurchten Stirnen, die tiefen Blicke über den Rand der Lesebrille direkt in unser ahnungslos munteres Herz, die Trauer über die nicht verheilten Wunden, die anhaltende Betroffenheit, der Ekel vor dem Sekundären und die ständigen Nachdrucke beinahe vergessener Debatten. Wir haben es leichter, wir sind einfach da. So bleibt es. Das Leben ist schön!