Am 15. Januar ist es soweit: An diesem Tag will der Franzose Edouard Sakiz die EU-Zulassung für seine Abtreibungspille RU 486 beantragen. Damit wird das umstrittene Präparat vermutlich noch in diesem Jahr in Deutschland erhältlich sein.

Zu wünschen wäre es - auch wenn katholische Kirchenvertreter schon im Vorfeld der Zulassung schweres ethisches Geschütz gegen das Medikament auffahren. Den Anlaß zum Streit lieferte Edouard Sakiz selbst, der seinen Zulassungsantrag für verschiedene europäische Länder von der Unterstützung durch die jeweiligen Regierungen abhängig machte und so in Deutschland eine erneute Grundsatzdebatte entzündete. Während ihre Befürworter RU 486 als Mittel zu einem schonenden Schwangerschaftsabbruch begrüßen, befürchten Gegner wie der um deutliche Worte selten verlegene Kölner Erzbischof Kardinal Meisner, das Medikament ebne den Weg zu einer "Privatisierung der Tötung ungeborener Kinder".

In den USA hat die Arzneimittelbehörde FDA die Zulassung des Medikaments Anfang 1997 befürwortet, auf dem Markt ist das Mittel bis heute nicht. Amerikanische Pharmaunternehmen fürchten den Protest radikaler Abtreibungsgegner. Hoechst, die Muttergesellschaft von Roussel Uclaf, gab das Patent für RU 486 an Miterfinder Sakiz zurück - aus Imagegründen.

Die zaghafte Befürwortung, mit der deutsche Politiker jetzt auf Sakiz' Bitte nach Unterstützung von RU 486 reagierten, wurde von der katholischen Kirche prompt genutzt, um eine erneute Diskussion um den Paragraphen 218 zu entfachen. Dabei ist das Gesetzeswerk gar nicht davon berührt, ob eine Schwangerschaft mechanisch oder medikamentös unterbrochen wird. Anders als einige Kirchenvertreter behaupten, wird RU 486 nicht frei erhältlich sein. Die Regelungen für den Abbruch bleiben ebenso unangetastet wie die Beratungspflicht und die ärztliche Betreuung. So erweist sich der Streit um RU 486 als verfehlte Debatte: Wenn Schwangerschaftsabbrüche gesellschaftlich akzeptiert sind, muß diese Gesellschaft konsequenterweise die schonendste Methode für den Abbruch zur Verfügung stellen - und gleichzeitig einen möglichen Mißbrauch der Abtreibungspille verhindern.

In Frankreich, Schweden und England haben bereits 500 000 Frauen mit der Pille abgetrieben. Wie sie müssen auch deutsche Frauen mehrere Arzttermine überstehen. Erst drei Tage nach einer Voruntersuchung und Konfliktberatung darf die Schwangere einen Frauenarzt aufsuchen. Dort bekommt sie unter Aufsicht das Präparat verabreicht. Das in RU 486 enthaltene Antigestagen wirkt gegen das Schwangerschaftsschutzhormon Progesteron und unterbricht die Einnistung des Fötus. Zwei Tage später nimmt die Frau - wiederum vom Arzt beaufsichtigt - Prostaglandine ein, die eine Abstoßung des Fötus bewirken. Eine Abschlußuntersuchung soll mögliche Komplikationen verhindern helfen. Die jedoch gibt es nur in zwei Prozent aller Fälle.

Längst haben Pharmaunternehmen Präparate entwickelt und klinisch getestet, die zuverlässiger und schonender wirken als RU 486. Doch angesichts der Debatte werden sich die Pharmamanager hüten, eine Zulassung der Medikamente zu beantragen. Den Preis zahlen die Frauen: 200 000 Schwangere sterben weltweit jedes Jahr an den Folgen eines Abbruchs.