Mittwochabend im Ghetto. Mondhelle Nacht. Neuschnee hat sich wie Heroin auf leere Straßen gelegt. Düstere Gestalten verschwinden in hohen Eingängen, Kinderwagen voran. Pechschwarze Häuserschlucht. Nur oben bei Dr. Hildebrandt, dem Zahnarzt, brennt noch Licht. Dann macht auch er Schluß, durch Vorgärten zieht Rauch eines umgestochenen Komposthaufens. Kinderwagen? Zahnarzt? Kompost? Nun, Hamburg-Eppendorf ist nicht die Bronx, die Frage drängt sich auf: Wie kommt, um Himmels willen, ein deutscher Junge zum Rap?

"Meine Mutter ist schuld." MC Eißfeldt alias Jan Eißfeldt, Master of Ceremony bei der Hamburger HipHop-Formation Absolute Beginner, hockt unter einer riesigen Wollmütze mit Vordach da wie ein eben geschlüpfter Specht. "Mitte 1987 kam sie aus New York zurück und erzählte dem kleinen Jan, was ein Keyboard ist und wie man rappt. Mein Vater schenkte mir dann zwei Platten. Mit der Auflage, Klavier zu üben."

MC Dendemann alias Daniel Ebel von Eins, Zwo kam kürzlich aus Menden im Sauerland nach Hamburg. In der Schule und im Dorf führten die Handballer des Regiment. Heute rappt Dendemann: "Kopf hoch mein Sohn nimm' erst mal 'en Taschentuch / Das Leben ist ein Auf und Ab wie 'n Flaschenzug / Ein jeder ist seines Glückes Schmied / Und HipHop ist wie Pizza, auch schlecht noch recht beliebt."

Die Absoluten Beginner, Fettes Brot, Fünf Sterne deluxe, Eins, Zwo, oder Fischmob, Namen wie aus der Spielwarenabteilung von Karstadt, sind die exponiertesten Bands einer florierenden Hamburger HipHop-Szene. Seit 1992 machen sie deutschsprachige Rap-Musik. Plattenverkäufe von 100 000 Exemplaren sind keine Seltenheit. Den einen oder anderen der Twens gibt es als Ausklapp-Poster in der Bravo , dem Zentralorgan der Fangemeinde. Auf den Fernsehkanälen MTV und Viva gehören ihre Videos zum Tagesprogramm. Unter anderen ist es ihnen zu verdanken, daß MTV Deutschland seit April 1998 eine eigene HipHop-Sendung hat. Fett läuft täglich von 15 bis 16 Uhr, zur Primetime, wie Redakteur Gerd Bischoff meint. Primetime für Rapper.

So erstaunlich es angesichts der Ghettotradition dieser Musik mit schwarzen Wurzeln klingen mag: Der erfolgreiche Hamburger Rap-Musiker kommt aus den Mittelstandshochburgen Eppendorf und Pinneberg. Darüber hinaus machen auch im Arbeiter- und Ausländerviertel Altona türkische und jugoslawische Jugendliche seit Jahren Rap. Auch sie dichten deutsch, hatten aber lange keine Chance beim hiesigen Publikum. "In New York wäre das anders", erklärt DJ Schiffmeister von Fettes Brot, "dort fährt der weiße Mittelstand total ab auf den Slang der Schwarzen. Bei uns zählt der perfekte Ausdruck in der deutschen Sprache, der elaborierte Code. Von ashy to classy, von unten nach ganz oben, so etwas ist in Deutschland nicht drin."

HipHop hat in den achtziger Jahren die Welt erobert. Heute rappt die Jugend nicht nur in Frankreich oder Italien in ihrer Muttersprache. Gereimter Sprechgesang existiert auf rumänisch, kurdisch und japanisch. Bei uns wurde deutscher HipHop zu schwarzen Rhythmen 1992 salonfähig. Die Initialzündung war Die da! von den Fantastischen Vier. Die Frankfurter Rapper vom Rödelheim Hartreim Projekt zogen noch im gleichen Jahr nach. Aber kaum war die neue Bewegung geboren, kam sie wieder in die Klemme. Im Zuge des überraschenden Erfolges "entdeckten" die Plattenkonzerne den deutschen Sprechgesang. Über Nacht wurden Bands wie Der Wolf oder Tic Tac Toe konzipiert. Sie liefen unter dem Etikett "deutscher HipHop", hatten mit der Kultur des Rap jedoch nicht viel zu tun. Image und entsprechende Textzeilen wurden den Bands von ihren Produzenten schlicht und einfach angedichtet.

1998, sechs Jahre nach Die da!, beruft sich eine junge Hamburger Szene wieder auf ihre Wurzeln in Übersee. Man habe sich, heißt es, über harte Jahre im Untergrund unter ständigem Feilen an Beats und Reimen auf ein hohes Niveau gerappt. Jetzt habe man "Style" und Erfolg, auch beim breiten Publikum, das die Qualität des HipHop made in Hamburg zu schätzen wisse. Der Wille zur marktgängigen Authentizität schließt eine Ausbildung in Graffiti und Breakdance ebenso ein wie die strikte Bindung des rappenden Individuums an seine "Community". Solidarität wird wieder großgeschrieben. Ghetto-Feeling Marke norddeutsches Klassenlager, leicht müffelnd, aber herzwarm.