Großes fängt klein an. In meinem Fall war es ein ganz bestimmtes Sehnen, ein Ziehen in der Herzgegend und die Erinnerung an einen Satz Freuds (man erinnert sich immer an Sätze, die dem eigenen Wollen recht geben): Glück ist die Erfüllung von Kindheitswünschen. Mein Kindheitswunsch war durchschnittlich. Ein Hund sollte es sein. Etwas zum Streicheln, das sich nie entzieht, ein leibwarmes Leben, das mir zugehört, ein Schwanzwedeln und etwas, das auf mich aufpaßt. Rund dreißig Jahre später stellt sich dem denkenden Menschen der Wunsch auch anders dar: Da wollte die Jüngste in der Familie womöglich ein Wesen zum Kommandieren und eines, das nie nach Zeugnissen fragt. Begleitung auf allen Wegen, Schutz und Abhängigkeit zugleich. Aber die meisten tiefen Wünsche sind paradox. Und schließlich bereichert die Analyse nur und ändert die Gefühle nicht. Also zurück zu Freud.

Ein Garten war da und eine Arbeit, die das Zuhausesein, jedenfalls meistens, ermöglichte. Außerdem allerdings diverse Bücherwände - und eine anhaltende Zwangsvorstellung von einem munteren Welpen, der Lederrücken und Erstausgaben mit ganz besonderem Genuß benagt, sobald man den wohlwollenden Rücken dreht. Und wer würde nachts alle zwei Stunden aufstehen, um das belebte Fell zum Pinkeln fortzutragen? Folglich: ein älteres Tier. Noch jung genug, um verspielt zu sein, schon alt genug, die Basis des Zusammenlebens mit dem Menschen im Blasenbereich verinnerlicht zu haben.

Laika begrüßte uns in ihrem Rudel, wie das bei Hunden auf dem Land so üblich ist: Springen gegen den Zaun, Bellen in allen Zwischentönen, eher etwas für nervenstarke Naturen. Aber wir wollten ja nur einen Hund. Bei den Verhandlungen im Garten ruhte sie aufmerksam, aber auch gleichmütig unter dem Tisch. Den Probespaziergang machte ich allein: Der Hund ignorierte würdig die Kläffer der Nachbarn, zog nicht an der Leine, war durch den Start eines hochfrisierten Motorrads nicht zu erschüttern. Ein wirklicher Traum. Bei der Rückkehr fragte ich schüchtern, wie das mit der gegenseitigen Sympathie wohl zu ermitteln sei? Meine stünde fest, aber die des Hundes? "Das ist doch klar", sagte die liebe Frau, die Laika großgezogen hatte. "Bisher ist sie mit niemand mitgegangen."

Sie liegt neben mir und seufzt, wie das nur Hunde können

Die Rassenmischung war mir dunkel. Hauptsächlich Kuvasz, wozu das Lexikon vermerkte, das sei ein ungarischer Hütehund, robust und urwüchsig. Einen Jagdhund wollte ich nicht, ängstlich bin ich selbst, und so ein Schoßtier, so eine Kreuzung zwischen Hund und Fliege, war auch nie mein Wunsch gewesen. Ein ordentlicher Hund, den muß man im Stehen streicheln können. Alles zusammen roch nach Schicksal, und dieses Schicksal trug den Namen Laika.

Jetzt liegt sie neben mir und seufzt Behaglichkeit, wie das nur Hunde können. Wenn ihr langweilig ist, legt sie die dicken Pratzen auf meine Knie, gibt einen werbenden, tiefen Ton von sich und hält mich vom Arbeiten ab. Dann sucht sie sich einen anderen Platz, schaut mich aus dunklen Augen an, bis sie ihr langsam zufallen. Tiere versäumen nichts, sie kennen kein Bedauern, keine Reue; ihr Dasein ist die reine Gegenwart. So ist das Zusammensein Glück. Wenn wir allein sind.

Denn Laika, einmal an der Leine, mag andere Hunde nicht. Nicht alle haßt sie und nicht immer - das wäre ja verläßlich und in der Verläßlichkeit langweilig. Ist sie ängstlich, hat sie schlimme Erlebnisse gehabt? Will sie mich vielleicht verteidigen? Fühlt sie sich an der Leine stärker, weil sie mit dem Rudelführer verbunden ist? Es gibt beinahe so viele Hypothesen, wie es Fachleute gibt. Sind es langhaarige Hunde, die ihren Zorn erregen, oder nur Weibchen (Geschlechterkonkurrenz!) oder nur Weibchen, wenn sie läufig sind? Die persönliche Statistik ist schwierig, weil nicht jeder Hundebesitzer die Langmut aufbringt, nach einer Konfrontation ein Gespräch zu führen. Auch ist es nicht immer Laika, die Streit anfängt - selbst andere Hunde haben ihre Launen. Und ihrerseits Besitzer, die von demselben Narzißmus beseelt sind, wie ich es einmal war: Mein Hund aggressiv? Aber niemals!