Eigentlich sollte nach dem eindeutigen Dementi der rot-grünen Bundesregierung alles klar sein. Berichte über angebliche Pläne, die Mehrwertsteuer von derzeit 16 Prozent zum 1. Januar 2000 auf 17 oder gar 18 Prozent zu erhöhen, seien "frei erfunden und absolut abwegig", ließ Finanzminister Oskar Lafontaine wissen. Doch diese Versicherung konnte wirklich bis jetzt kaum einen der in den vergangenen Jahren gebeutelten Steuerzahler überzeugen.

Daß nun ausgerechnet Unionspolitiker und Freidemokraten die Angst vor einer Anhebung der Mehrwertsteuer schüren, mag mit deren neuer Rolle als Opposition zu erklären sein, heuchlerisch ist es dennoch. Denn es war gerade die konservativ-liberale Koalition, die entgegen vielen Versprechen immer wieder Steuern erhöhte und dabei zugleich Schulden über Schulden auftürmte. CDU/CSU und FDP haben in ihrer langen Regierungszeit den Boden bereitet, auf dem jetzt die Gerüchte über weitere Drehungen an der Mehrwertsteuerschraube sprießen. Da gehört schon eine Portion Frechheit dazu, heute die rot-grüne Regierung eines "anhaltenden Wahlbetrugs" zu verdächtigen, wie es der hessische CDU-Landeschef Roland Koch getan hat.

Zum anderen hat bisher Schröders Kassenchef Lafontaine auch nicht andeutungsweise gesagt, wie er das Wahlversprechen der Sozialdemokraten in die Tat umsetzen will, die zerrütteten Staatsfinanzen zu sanieren. Seit ihrem Amtsantritt hat die rot-grüne Regierung durch ihre Beschlüsse - etwa zur Anhebung des Kindergeldes oder zum Vorziehen der Unternehmenssteuerreform - den Etat zusätzlich strapaziert. Und das, obwohl sie beim Kassensturz im Herbst neue Risiken und Löcher von vielen Milliarden Mark aufgespürt hat.

Die eigentliche Bewährungsprobe steht Lafontaine und der rot-grünen Koalition unmittelbar bevor. Wenn das Bundeskabinett am 20. Januar seinen ersten Haushaltsentwurf aufstellt, muß die Regierung bekennen, ob sie einen harten Sparkurs einschlagen und welche Ausgaben- und Leistungskürzungen sie dem Bürger zumuten will. Wenn sie aber den politisch zunächst bequemeren Weg wählt und auf harte Einschnitte verzichtet, dann hat sie die Erhöhung der Mehrwertsteuer schon stillschweigend einkalkuliert - trotz aller Dementis.