Millionen Menschen haben zwei Pässe. Sind sie ein Problem? Haben sie ein Problem? Mitnichten. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist keine Gefahr, sondern eine Chance. Europa kann es nur guttun, wenn - zum Beispiel - zahlreiche Deutsche auch Franzosen sind und zahlreiche Franzosen auch Deutsche. Nützlich ist die doppelte, noch nützlicher wäre die drei- oder vierfache Staatsbürgerschaft. Dann wäre Europa Europa.

Mehr und mehr Menschen tragen in sich zwei Kulturen, sie haben eine Vater- und eine Muttersprache, ein Mutter- und ein Vaterland. Oder sie sind in zwei Staaten aufgewachsen und lieben den einen wie den anderen. Oder sie haben eine zweite Heimat gefunden, ohne von der ersten zu scheiden. Es ist anachronistisch, diese Menschen auf eine einzige Staatsbürgerschaft beschränken zu wollen.

Der ziemlich französische Deutsche Daniel Cohn-Bendit ist jetzt der ziemlich deutsche Kandidat der französischen Grünen bei der Europawahl. Das geht, das ist erlaubt, und fast alle finden: das ist schön. Trotzdem soll die Doppelbürgerschaft unschön bleiben? Wenn Kosmopolitismus heute eine Tugend ist, dann kann doch "Duopolitismus" nicht schlecht sein.

Kein Deutscher stößt sich daran, daß Bernhard Vogel erst Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war und dann Ministerpräsident von Thüringen wurde. In dreißig Jahren wird es für uns Europäer wohl selbstverständlich sein, daß ein guter (und zweisprachiger) Politiker auch einmal die Polis wechselt: von Paris nach Berlin, vom Conseil des Ministres ins Bundeskabinett. Das wird so wenig Aufsehen erregen wie neulich der Wechsel des Wirtschafts-ministers von Schleswig-Holstein nach Nordrhein-Westfalen. In Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur wird der Sprung über nationale Grenzen immer leichter, immer nötiger. Die Politik wird folgen.

Die Gegner der doppelten Staatsbürgerschaft haben vom Staat ein altes, nicht länger stimmiges Bild. Der Staat der Zukunft ist in Europa nicht der Nationalstaat. Das sollte gerade die europäisch gesinnte CDU davon abhalten, die Nationalstaatsbürgerschaft zu überhöhen.

Zwar wird er bleiben, der alte Nationalstaat, der hierzulande gar nicht so alt und mittlerweile doch "erwachsen" ist, dixit Kanzler Schröder (wobei die länger schon erwachsenen Amerikaner oder Franzosen mit Doppelbürgern weniger Mühe haben). Aber im europäischen Maßstab wird der Nationalstaat nicht sehr viel mehr sein als im deutschen Maßstab ein Bundesland.

Beide, Nation und Region, werden nach wie vor viel Identität stiften, so wie in Deutschland Bayern Bayern geblieben ist (und darin wiederum Franken Franken bleibt). Aber nationale Identität wird - wie längst die regionale Identität - immer weniger auf der Staatsbürgerschaft beruhen. Der Gedanke an ein Europa offener Regionen und in sich geschlossener Nationen ist albern. Alle Nationen Europas - auch das etatistische Frankreich - werden eines Tages mehr Kultur- als Staatsnationen sein.