Die Anrufe kamen zu unregelmäßig, als daß man von einer Bedrohung hätte sprechen können. Es schien einfach, als habe sich jemand verwählt, und das kommt schließlich öfter vor, gerade wenn man ins Ausland telefoniert. Wie oft passiert es, daß sich statt der erwarteten, gar der vertrauten Stimme eine Vertraulichkeit vortäuschende, aber doch unbekannte Stimme meldet, die ihren einen Satz unendlich oft wiederholt, die keine Gründe angibt oder eine neue Nummer nennt und die auch keine Antwort zuläßt, nur das Auflegen: Der angewählte Anschluß bestehe schon seit längerem nicht mehr.

Es klang genau, wie man sich eine schlechte Auslandsverbindung vorstellt, mit Knistern, Rauschen, kurzen Unterbrechungen und einer aus weiter Ferne kommenden, leisen Stimme: Ein Unbekannter, der mir - soweit ich sagen kann - niemals seinen Namen genannt hat, redete einige unverständliche Sätze lang auf mich ein, ohne dabei auf meine Nachfragen, mein "Nein" und mein "Entschuldigung, Sie haben sich verwählt" zu achten. Wahrscheinlich verstand er mich genausowenig wie ich ihn. Nach solchem sinnlosen Hin und Her legte dann entweder er den Hörer auf, oder es war an mir, die Leitung zu unterbrechen.

Aber das ist nicht ganz richtig. Kein einziger dieser Anrufe kam über Tag. Der Anrufbeantworter hätte es verraten, hätte mich zumindest auf eine Spur gebracht, und außerdem ging ich zu jener Zeit höchst selten aus dem Haus. Der oder die Unbekannte meldete sich auch nicht unregelmäßig, sondern genau zweimal pro Woche zwischen dreiundzwanzig Uhr und Mitternacht. Und selbst wenn es mir gelungen sein sollte, am Telefon gelassen zu bleiben: ich war natürlich doch etwas beunruhigt.

Selbstverständlich kann ich gewissen Vorstellungen nichts abgewinnen, die besagen, beim Rauschen in der Telefonleitung, bei den mitunter im Hintergrund vernehmbaren Stimmen handele es sich um Stimmen aus dem Jenseits, Stimmen Verstorbener oder gar Stimmen aus der Zukunft. Noch weniger mag ich mich mit dem Gedanken anfreunden, ein Lebender könnte geradewegs von einer Stelle aus dem Jenseits angerufen werden.

So gerieten als erstes meine Nachbarn in Verdacht. Handelte es sich nur um vorgetäuschte Ferngespräche, saßen sie in der Nebenwohnung und dort sogar in jenem leer geglaubten Zimmer, dessen verrottete Jalousien seit jeher heruntergelassen waren, saßen sie dort am Telefon, mit einem Lappen auf der Sprechmuschel, mit einem Taschentuch im Mund? Ich habe sie nicht danach gefragt, ich habe niemandem davon berichtet. Es wäre mir merkwürdig erschienen: Am Anfang gab es gar nichts zu erzählen, die ersten fünf oder sechs Anrufe waren nicht der Rede wert, und dann, vielleicht nach einem halben Jahr, hielt ich es für zu spät. Wie hätte ich glaubhaft vermitteln sollen, daß ich, anstatt ganz einfach nicht mehr ans Telefon zu gehen oder mir eine Fangschaltung zu bestellen, mit meinem Anrufer längst zu einer - gewissermaßen wortlos getroffenen - Verabredung gekommen war, daß wir unsere - doch kaum als solche zu bezeichnenden - Unterhaltungen fortsetzten? Nach wie vor ausschließlich auf das beharrliche Betreiben jener unbekannten Stimme hin, von mir aber mit ebensolcher Beharrlichkeit hingenommen, als hätte es allein der Zeit bedurft, bis mir Absicht und Inhalt der Gespräche aufgegangen wären.

Als ich meine Wohnung verließ, später die Stadt und dann das Land, hatten sich auch die Anrufe erledigt. In gewisser Weise. Nein, nicht wirklich, zumindest kaum von meiner Seite aus. Nicht, daß es weitere Gespräche gegeben hätte - mein "Hallo?" und "Wie bitte?", einmal sogar "Ja, ja, o ja", als wollte ich mein Gegenüber beruhigen, damit es langsamer, deutlicher spräche, und dazu das unverständliche Reden des Anrufers (dies ist vielleicht auch mehr im übertragenen Sinne gemeint) lagen ohnehin schon länger zurück, wir waren mit der Zeit dazu übergegangen, nur mehr zu horchen auf das Knistern, Rauschen, Atmen.

Wir sprachen also nicht mehr, und ich hätte mein Telefon in der verlassenen Wohnung unbekümmert klingeln lassen können. Eine Weile genoß ich es geradezu, beim Anblick eines Telefons zu denken, daß ich seinen Hörer nie würde abheben müssen. Ich begann damit, mir unbekannte, in meinen Augen bedeutungslose Telefonnummern einzuprägen.