Paris im Januar. Die Brücken über der Seine bellen in den Himmel, wie die Dichter sagen, und eine Frau führt am hellichten Tag mitten in der Stadt zwei Wölfe spazieren. Auf so was muß Baudelaire sein Leben lang gewartet haben.

Die Rückkehr der Wölfe in diese Fünfsternestadt, mitten hinein in den Plunder, aus dem die Stadt gemacht ist, die Pudel aus Stroh, die Eulen aus Glas, die Schirme, die wie Eichhörnchen, und die Aschenbecher, die wie Nilpferde aussehen. Was für ein Traum. Oder besser, was für ein Erwachen.

Was das nun wieder soll? Peindre non la chose, mais l'effet qu'elle produit - Male nicht die Sache, sondern die Wirkung, die sie hat. Ein schöner Satz von Mallarmé, dem das Pariser Musée d'Orsay gerade eine Ausstellung widmet. Konsequent angewandt auf die Sache Paris, ergibt dies für den Reisenden, Wölfe hin, Wölfe her, eine gepuderte Dame, die Decke über den Knien, die Füße auf einem rotsamtenen Fußbänkchen, das Herz aus Porzellan, der Kopf aus Dior, Paris, die Hauptstadt der Garnitur. Was zu Mallarmé insofern zurückführt, als die Garnitur, das springt dem Besucher des Musée d'Orsay plüschdick in die Augen, eine im Werk des großen französischen Dichters noch immer völlig unterschätzte Rolle spielt.

Man bedenke: der Dichter des Nichts, des bestirnten Himmels, des blauen Azurs, der Priester der weißen Seite, der Magier des Zufalls und der allergeheimsten und vornehmsten Wort-Tändeleien. Der kühne Held metaphysischer Krisen, der Maître einer ganzen Generation junger Poeten, die bei ihrem Meister jeden Dienstag in der Rue de Rome am Punschglas nippten und den poetischen Divinationen des großen Erneuerers der französischen Lyrik lauschten. Der heilige Mallarmé, Objekt so vieler gelehrter Diskurse, Gott der avanciertesten ästhetischen Debatten. Und was muß man sehen? Was zeigt die Ausstellung mitten in der Stadt des schönsten Krempels der Welt? Einen Garniturmenschen, wie man ihn sich passender kaum denken kann. Einen durch und durch pariskompatiblen schnauzbärtigen Professor mit traurigen Hundeaugen, eine Stola um die fröstelnden Schultern geschlungen. Einen zart aufgequollenen Salonherrn, seine strenge, ewig häkelnde Ehefrau, seinen Schaukelstuhl, sein Sitzkissen, seine pummelige Geliebte, das gemeinsame Liebesnest, einen Salon, vakuumverpackt mit Fellen, Deckchen, Samtportieren, Goldspiegeln und Sofakissen. In einer Vitrine die Fächer der Damen, alle verziert mit ein paar lilienduftenden, marmorierten Versen des Gastgebers, in einer anderen die handverkringelten Billette und Verse, Schmuckschrift, mit dem Lineal gezüchtigt. An der Wand die Grußadressen der Freunde an die Seele des Dichters, die auf Bütten dahintreibt im reißenden Fluß ihres samtverhangenen Lebens und träumt, inmitten all dieses Plunders, von der kühlen Stille einer einzigen weißen Seite.

Der Luxus und die Moden. Das satte Grün einer Chaiselongue, die - ein grünes, grünes Grab - einlädt zur ewigen Ruhe. Der sanfte Gesang der Dichter vom Ennui, von den Schatten, den goldenen Schärpen und blauen Nachmittagen. So ist das in Paris manchmal im feuchten Winter. Wer da nur bleiben könnte. Zwei Zimmer mit Messerbänkchen, gleich hinter der Place d'Italie, Rue Samson oder so. Und die Tür zu und den Atem anhalten. Und draußen heulen die Wölfe.