Das erfolgreichste Museum in Deutschland ist ein riesiger roter Baucontainer auf Stelzen, ein Gehäuse des Übergangs. Fast sechs Millionen Menschen sind in den vergangenen drei Jahren in diesen Ausguck geklettert - sechs Millionen, die sehen wollten, was wird. Denn dieses Museum, das sich Info-Box nennt, liegt mitten im Berliner Wirrwarr des Werdenden, im Getöse der Betonmischer und Preßlufthämmer, dort, wo einst der Leipziger in den Potsdamer Platz mündete. Heute wachsen hier die Häuser wieder in den Himmel und mit ihnen die Besucherzahlen der roten Kabause, die mit Modellen, Grundrissen und schnittigen Computerfilmen einen Ausblick auf die Zukunft bietet. Wie nie zuvor bewährt sich hier die Architektur als Massenmedium - als Versprechen auf die Zukunft.

Auch in einer Ausstellung über die künftigen Regierungsbauten, gezeigt im ehemaligen Staatsratsgebäude am Schloßplatz, drängelten sich die Neugierigen. Und selbst das versteckt gelegene Deutsche Architektur Zentrum (DAZ) in der Berliner Luisenstadt zog 1998 fast hunderttausend Leute an. Selten war das Interesse an der Baukunst breiter, das läßt sich von allen drei Orten berichten. Dennoch sind alle drei gefährdet.

Andere Länder wie Frankreich, Dänemark oder die Niederlande begreifen die Architektur längst als Staatssache: Sie unterstützen ihre Baukultur mit Zuschüssen in Millionenhöhe, und das nicht ohne Eigennutz. Natürlich geht es ihnen auch um klügeres Wohnen und schönere Städte. Doch den wirtschaftlichen Nutzen hat man mindestens ebenso im Sinn, schließlich bietet die Baubranche vielen hunderttausend Menschen Arbeit. Daß mittlerweile alle Welt über die jungen niederländischen Architekten spricht und sie mit Aufträgen bedenkt, ist auch dem nationalen Architekturzentrum in Rotterdam zu verdanken, das zum Fokus für alle Bau- und Schaulustigen wurde, das Forschung fördert, ungewöhnliche Initiativen ermutigt und vor allem dafür sorgt, daß über staatliche Baupolitik so selbstverständlich gestritten wird wie über das Schul- oder Steuerwesen.

Und in Deutschland? Kein anderer EU-Staat hat im Bereich Architektur ein größeres Handelsbilanzdefizit - aus dem Ausland gibt es selten Aufträge, für das Ausland hingegen viele. Doch der Staat tut keinen Mucks: Statt dessen streicht der neue Bauminister Franz Müntefering erst einmal das Referat Architektur und Baukultur, und Kulturstaatsminister Michael Naumann schwärmt weiter vom Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, als sei Architektur nur ein Nostalgikum.

Dabei standen die Chancen nie besser: Wie leicht ließe sich die allgemeine Neugier einfangen, um ein Forum wie das DAZ mit staatlicher Hilfe in ein Zukunfslabor der Baukultur und Bauwirtschaft zu verwandeln. Zu einem Haus, in dem Raum ist für intellektuellen Disput und multimediale Überflüge. In dem die Architektur ein Versprechen ist, ähnlich wie es die Info-Box vorführt: ein öffentliches Medium, mit dem sich eine Gesellschaft über ihre Zukunft verständigt. Doch wenn Müntefering und Naumann diese Chance nicht sehen? Dann müssen die Architekten selber handeln. Statt von einer neuen Schinkelschen Bauakademie zu träumen, sollten sie das Bestehende stärken. Das DAZ bietet ein Fundament - darauf ließe sich bauen.