Helmut Röscheisen, der Generalsekretär des Deutschen Naturschutzringes, hatte die Grünen gewarnt. Noch während sie im vergangenen Oktober mit den SPD-Spitzen um den rot-grünen Koalitionsvertrag rangen, erteilte der Naturschützer den Ökopolitikern den freundschaftlichen Rat, bei dem bevorstehenden Geschacher um Kabinettsposten auf das Naheliegende zu verzichten: Das Umweltressort solle man besser den Sozialdemokraten überlassen - aus den Ressorts Verkehr oder Agrar könne die Umwelt wirkungsvoller geschützt werden.

Die Grünen schlugen Röscheisens Rat in den Wind. Der oberste amtliche Umweltschützer heißt Jürgen Trittin. Seit 70 Tagen beißt sich der ehemalige Vorstandssprecher der Grünen auf dem neuen Posten die Zähne aus. Einerseits beäugt ihn die Ökoklientel argwöhnisch: Er jubelte die enttäuschenden Ergebnisse des Klimagipfels in Buenos Aires anfänglich als Erfolg hoch, und auch als Krisenmanager machte er keine glückliche Figur, als Öl aus dem gestrandeten Holzfrachter Pallas auf die Nordseeinsel Amrum zutrieb. Andererseits läßt Trittin fast keine Gelegenheit zum Streit aus, wenn es um das grüne Prestigeprojekt Atomausstieg geht. Für die Strommanager, auf deren Wohlwollen Bundeskanzler Gerhard Schröder angewiesen ist, wenn er den versprochenen Abschied vom Nuklearstrom entschädigungsfrei organisieren will, ist Trittin der personifizierte Nadelstich. Säuerlich ist aber auch sein für die Energiepolitik zuständiger Kabinettskollege, der parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller. Ihm verweigert Trittin seit Wochen ein klärendes Gespräch über die Interpretation des rot-grünen Koalitionsvertrages. So sorgt der Grüne nicht nur für die meisten Schlagzeilen aus Bonn; seine Renitenz in Sachen Atomausstieg hat der Koalition ihre erste handfeste Krise beschert. Am kommenden Mittwoch soll der Streit in kleiner Runde geschlichtet werden.

Tatsächlich ist nicht der noch friedlich urlaubende Trittin Urheber der Idee, sondern die grüne Bundestagsfraktion, die bereits Anfang Dezember vergangenen Jahres Ungereimtheiten bei der Energiebesteuerung entdeckte. So wird nach geltendem Recht die Verfeuerung des umweltverträglichen Erdgases in Kraftwerken besteuert, während der Fiskus den atomaren Brennstoff verschont. Um Wettbewerbsgleichheit herzustellen, folgert der umweltpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Reinhard Loske, müsse deshalb bei der geplanten Ökosteuer nachgelegt werden: Entweder seien auch die atomaren Brennstäbe zu besteuern - oder der Erdgaseinsatz in besonders effizienten Kraftwerken müsse befreit werden. Trittins bescheidener Beitrag zur Debatte: Er ließ ausrechnen, wie hoch die Steuer auf Atomstrom sein müßte, um eine Gleichbehandlung mit Erdgas zu gewährleisten - umgerechnet rund ein Pfennig pro Kilowattstunde. "Abenteuerlich", kommentierten die Hamburgischen Electricitäts-Werke prompt.

Ganz so absurd ist die Idee freilich nicht. Der Berliner Finanzwissenschaftler Kai Konrad und Gert Wagner, Projektleiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), halten die gezielte Verteuerung von Nuklearstrom sogar für die bessere Strategie zum Atomausstieg als die von Schröder bevorzugte Verhandlungslösung. Der Grund: Schrittweise eingeführt, greife eine Steuer nicht in bestehende Rechte der AKW-Betreiber ein, eine Schadenersatzklage sei mithin "nicht aussichtsreich".

Dennoch hat die Atomsteuer wohl keine Chance - nicht zuletzt deshalb, weil dadurch eine für Schröder noch viel unangenehmere Debatte eröffnet würde: die Besteuerung von Kohle. Wie die Uranbrennstäbe in den nuklearen Stromfabriken ist nämlich auch der Einsatz der besonders klimaschädlichen Braunkohle steuerfrei, die Verstromung heimischer Steinkohle wird gar mit Milliardenbeträgen subventioniert. Zwar bekannten sich auch die sozialdemokratischen Unterhändler in den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen pflichtgemäß zum Klimaschutz. Peinlich achteten sie aber darauf, daß ihrer Klientel in den Kohlerevieren kein Ungemach widerfährt, wenn von April an die neue Ökosteuer kassiert wird. Die Abgabe soll deshalb einheitlich zwei Pfennig je Kilowattstunde betragen - egal wie umweltschädlich die Elektrizität produziert wird.

Um den Fehler wissen der grüne Ökoexperte Loske und die Seinen sehr wohl. In der sicheren Erwartung, am Ende nur wieder als Verlierer und damit als "die letzten Luschen" dazustehen, haben sie sich in Sachen Kohle aber Zurückhaltung auferlegt. Dabei zweifeln mittlerweile selbst führende Sozialdemokraten wie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Müller an der Ratio der rot-grünen Energie- und Klimapolitik: "Es gibt kein durchdachtes Gesamtkonzept", gibt Müller zu.

Tatsächlich passen die im Koalitionsvertrag verabredete Sicherung der Braunkohle, die Umsetzung der noch von der alten Regierung vereinbarten Kohlebeschlüsse und der Ausstieg aus der Kernenergie ganz und gar nicht zu dem rot-grünen Bekenntnis, den klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoß bis zum Jahr 2005 gegenüber 1990 um ein Viertel zu reduzieren. Um das Klimaschutzziel zu erreichen, hat der zum linken SPD-Flügel zählende Müller ausgerechnet, müßte die Hälfte des Autoverkehrs stillgelegt werden - ein Ding der Unmöglichkeit. Die Tragik dabei: Ausgerechnet der Grüne Trittin könnte in die Verlegenheit geraten, das Scheitern der Klimapolitik eingestehen zu müssen.